Frage von Wolfgang
Hallo Bobby,
Danke für Deine Ausführungen zum Ankern, die mir natürlich einleuchten, und die ich auch in der Form handhabe wenn es denn mal zu mehr als zum Kaffee-trinken reichen muss. Dabei stoße ich aber nicht bei meinem 31-Füßer im Ijsselmeer, sondern bei Charteryachten beim Buchteln im Mittelmeer - auf ein Problem, nicht beim Ankern, sondern beim Anker-Aufholen.
Letztlich in der Türkei hatten wir einen größeren Kat mit einer 70-m-Kette am Hauptanker; der 2. Anker hatte einen Kettenvorlauf von etwa 10 Metern und dann Trosse. Diesen Anker samt Kette aus dem Beiboot hochzuholen erfordert schon ziemlich Kraft, und bei allem Bemühen denke ich, dass das dem Beiboot auch nicht wirklich gut tut, wenn man die Kette über den Rand zieht.
Wäre es empfehlenswert, erst den Hauptanker hoch zu holen und dann zum Zweitanker zu fahren? Mit Blick auf Deine Darstellung der eingeschränkten Manövrierbarkeit wohl eher nicht. Deine Idee, die Trosse mit einem Fender zu sichern und dann los zu werfen, um sie später einzuholen, finde ich gut; ist sie aber auch praktikabel? Oder wird sie praktiziert? Oder wie macht man so was als Blauwassersegler?
Ich hoffe, Carla und Du, Ihr habt Euch wieder gut ans Feste gewöhnt aber die Umstellung ist ja nun schon länger her.
Mit ganz herzlichen Grüßen
Wolfgang
Hallo Wolfgang,
na gut, wenn ein Charterschiff so ausgerüstet ist, kann man nichts anderes machen als ihr versucht habt. Allerdings ist diese Ausrüstung - Trosse mit 10 Meter Kettenvorlauf - bei weitem nicht optimal. Wie Du ja erlebt hast. Das ist der Grund, warum ich vehement gegen einen Kettenvorlauf beim Zweitanker bin. Trosse mit Kettenvorlauf als Ankergeschirr ist ein Kompromiss aus den Nachteilen von Kette und Trosse.
Wofür soll der Kettenvorlauf denn auch gut sein? Dass die Trosse nicht durchscheuern kann? Ich hab vielleicht ein halbes Tausend Ankermanöver mit Trosse in allen möglichen Gewässern bis hin zu korallenübersäten Lagunen durchgeführt, hab aber noch nie erlebt, dass eine Trosse verloren gegangen wäre. Hab das auch nicht bei Nachbarn am Ankerplatz gesehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Trosse mit Kettenvorlauf wegen Scheuerns an einem Felsen bricht, ist nahezu die gleiche wie bei der Trosse ohne Vorlauf. Wenn wenig Zug auf das Ankergeschirr kommt, dann liegt die Kette doch nahe am Grund und die Trosse kann sich genausogut einen Fels-oder scharfkantigen Steingrat suchen, um dort beschädigt zu werden. Die leichtere Handhabung eines Ankergeschirrs mit Kettenvorlauf ist kein Argument für diese Lösung. Auf größeren Yachten ist das Gegenteil der Fall - siehe unten.
Den Nachteil des Kettenvorlaufs haben Sie gut beschrieben. Man ist mit dem Zweitanker eben in der Manövrierfähigkeit erheblich eingeschränkt. 10 Meter Kettenvorlauf haben nämlich bei richtiger Dimensionierung auf einem größeren Schiff ein erhebliches Gewicht. Und das stört gewaltig, wenn man den Zweitanker mit dem Beiboot einholen möchte. Über ein Ankerspill geht es auch nicht gut, denn man müsste von Trosse auf Kette umswitchen, was schwierig sein wird, zumindest dann, wenn ein erhebliches Gewicht oder Zug auf dem Geschirr steht.

Ohne Kettenvorlauf ist es dagegen ein Kinderspiel den Anker mit dem Beiboot einzuholen, ohne die Yacht, das Mutterschiff zu bewegen: Ein Mann befindet sich auf dem Vorschif und gibt Lose in die Trosse, während sich der Mann im Beiboot an der Trosse zum Anker hin verholt. Über dem Anker bricht er diesen durch fortwährendes Dichtholen und Belegen der Trosse aus (wie auf der Zeichnung von John Bassiner in meinem Buch ANKERN - siehe hier!
- beschrieben. Das Wichtigste hierbei: Sich Zeit lassen, nicht hudeln und geduldig warten, bis sich die belastete Seite des Beibootes leicht hebt. Dann ist der Anker ausgebrochen. Funktioniert auch mit einem Schlauchboot.
Nicht gescheit wäre es, den Zweitanker nun an Bord des Beibootes zu nehmen. Denn dabei liefe man leicht Gefahr, das Beiboot beschädigen und in Kentergefahr zu bringen. Nein, der Anker wird nur soweit geholt, dass er über Grund schwebt, dann holt der Mann auf dem Vorschiff das Dingy gemächlich an der Trosse zum Schiff. Man kann sich dabei eine Menge Zeit lassen, denn nach wie vor hängt die Yacht ja sicher vor dem Hauptanker.
Wenn das Beiboot zum Schiff verholt ist, dann kann von dessen Bord aus der Zweitanker leicht an Deck genommen werden, denn hierfür steht ja jede Menge Geschirr zur Verfügung (Fall, Spi-Fall etc).
Dringend abzuraten ist von der denkbaren Möglichkeit, den Zweitanker mit der Yacht aufzuholen. Selbst wenn diese genügend Kette gibt, ist sie noch lange nicht voll manövrierfähig. Ich habe auf dem Hardstand genügend Yachten gesehen, deren Unterwasserschiff erheblich verschrammt und verkratzt war. Die Ursache: Herumfahren auf dem Ankerplatz, gefesselt mittels Kette an den Grund. Umgekehrt, wenn man also zuerst den Hauptanker aufholen möchte, solange die Yacht noch am Zweitanker gefesselt ist, kann man dabei leicht der Trosse ins Gehege kommen und diese sich - gerade bei den modernene Kurzkielern - um Saildrive oder Ruder wickeln.
Sie sprechen mich auch auf die von mir vorgeschlagene Lösung des Sicherns der Trosse mittels Boje an. Dabei wirft man den Tampen der Trosse mit angehängter Boje oder Fender einfach ins Wasser. Man geht also ankerauf und holt dann - frei von Kette und Anker - mittels Ankerwinde auf dem Vorschiff in Ruhe den Zweitanker ein.
Die gesicherte Trosse über Bord zu geben und später wieder einzuholen, habe ich nur für den Notfall vorgeschlagen. Dass das Ankergeschirr von Fischern oder “Segelkameraden” geklaut worden ist, hab ich noch nicht erlebt.
Mit ganz herzlichen Grüßen.
Bobby Schenk
