Frage von Henry
Hallo Herr Schenk,
wie so viele die auf Ihren Seiten mitlesen träume ich von einer Weltumsegelung auf einem Katamaran und mache mir verschiedenste Gedanken für den Fall dass der Traum doch einmal Realität werden könnte.Was mich aktuell umtreibt ist die Frage mit welcher Strategie die wahrscheinlich auftretende Sturmfahrt angegangen wird.Am sinnvollsten ist wahrscheinlich das Ablaufen vor Wind und Welle bei minimalster Besegelung und am Heck ausgebrachten langen Leinen. Da aber kein Autopilot dabei als Rudergänger einspringen kann (Winddreher, chaotische Wellen etc.) - wie ist das Vorgehen wenn sich bei kleiner Crew (ein- oder zweihand) die Kräfte dem Ende neigen. Ist Beidrehen eine Option oder besteht beim Katamaran hier nicht eine erhöhte Kentergefahr da das Boot ja quer zur Welle steht und somit bei entsprechend hoher Welle bzw. brechender Welle über die Kufen “stolpern” könnte?
Einem Sturm kann man leider nicht immer ausweichen aber wie kann man dann bei dem unvermeidlich auftretenden starken Seegang die Kenterung verhindern?
Vielen Dank und Viele Grüsse
Henry J.
Hallo Henry,
das ist eine Frage, deren Antwort sicher viele interessiert, die mit dem Gedanken spielen, mit einem Katamaran auf große Fahrt zu gehen oder damit liebäugeln, “nur” darauf zeitweise zu wohnen und zu leben.

Vorweg: Stürme, bei denen es ums Überleben oder ums “Durchkommen” geht, sind in den Gegenden und während der Zeiten, in denen sich Fahrtensegler auf der offenen See rumtreiben , viel seltener, als es die allgemeine Literatur glauben machen möchte. Die meisten “richtigen” Stürme, hab ich an der Clubbar oder in gemütlicher Cockpitrunde beim Sundowner miterlebt - als Zeuge vom Hörensagen. Auch ein Orkan war dabei. In den fünf Jahren, als wir mit einem Kat unterwegs waren und dabei an die 20 Tausend Meilen geloggt haben, hatten wir kein Wetter, das ich als “Sturm” würde. Freilich , stürmisch wars schon manchmal, also Bft sieben oder knappe acht.
Beidrehen ist gerade auf einem Kat eine gute Methode, schlechtes Wetter oder “Wind von vorne” abzuwettern. Man fühlt sich dann in der Koje wie an einem ungemütlichen Ankerplatz, während man so mit zwei oder drei Knoten nach Lee abgetrieben wird. Aber bei einem Sturm, also bei neun und darüber Beaufort, würde ich diese Methode keinesfalls anwenden. Denn, darüber sollte wohl Einigkeit herrschen, ein quergeschlagener Katamaran würde allzu leicht über den Lee-Schwimmer von einer anrauschenden Riesensee, mit denen von Zeit zu Zeit im Sturm zu rechnen ist, stolpern und, vor allem am Wellenabhang, seitlich umschmeißen. Das Ende!

Es gibt also nur die altbekannte Methode des Ablaufens vor dem Sturm. Mit mäßiger Geschwindigkeit. Man wird zunächst wohl das Groß ganz wegnehmen, dann folgt die runtergedrehte Fock, bis man vor Top und Takel lenzt. Allerdings kann der Kat wegen seines naturgemäß gewaltigen Aufbaus und damit großen Windwiderstands bei großen Windstärken auch ohne Segelfläche eine so hohe Geschwindigkeit aufnehmen, dass die Gefahr des Überschlags, wiederum den Wellenabhang hinunter, nach vorne besteht. Ebenfalls das Ende!

Man wird also versuchen, die Geschwindigkeit so weit es geht , auf sechs bis 10 Knoten zu drosseln. Durch nachgeschleppte Widerstände, also Leinen, gegebenenfalls mit angehängten Autoreifen, oder mit Hilfe eines Seeankers. Selbstverständlich mit Bug in Fahrtrichtung, denn andernfalls wäre die Belastung für die Ruder vielleicht zu stark.
Nach meinen Beobachtungen könnte das Ruder dabei durchaus eine Selbststeueranlage übernehmen. Voraussetzung ist ein ausreichend dimensionierter Ruderautomat. Wenn der (elektrische oder hydraulische) so schwach auf der Brust ist, dass er bei “normalem Wetter” das Schiff gelegentlich aus dem Ruder laufen lässt, ist er bei einem Sturm erst recht unbrauchbar, bei einem Kat tödlich. Dann hilft nichts anderes als der menschliche Rudergänger. Solange er nicht übermüdet, also voll konzentriert ist.

Es war zwar vor vielen Jahren auf einem Einrumpfschiff, als wir tagelang in den Brüllenden Vierzigern vor einem Sturm abliefen. Das Ruder aber bediente pausenlos eine Windsteueranlage, die wochenlang nicht einmal zuließ, dass die Stahlyacht querschlug. Man sollte sich vergegenwärtigen, dass für die Ruderwirkung nicht die Windstärke entscheidend ist, sondern die Fahrt durchs Wasser. Denn daraus bezieht eine moderne Windsteueranlage ihre Kraft zum Steuern.
Moderne Yachten sind heute so ausgestattet, dass bei den langen Törns über die hohe See fast nie mehr als ein Mann (zum Ausguck) gefordert ist. Der andere (ich geh mal von der durchschnittlichen Zwei-“Mann”-Besatzung aus) kann sich vornehmlich in der Koje aufhalten. Und bei schlechtem Wetter eben “auf Vorrat” schlafen. So bleibt genügend “Manpower”, um das Schiff mittels Selbststeueranlage auf dem rechten Kurs zu halten. Und wenn die Besatzung dem Ruderautomaten nicht mehr traut, sollte man sich an Rad oder Pinne in nicht zu langen Zeitabständen abwechseln. Ich könnte beispielsweise nicht länger als 30 Minuten die nötige Konzentration aufbringen. Für diesen Fall ein Trost: Kein Sturm dauert ewig.
Und so ist es sicher kein Zufall, dass bei der Befragung von fast 80 Weltumseglern nach dem schlimmsten Erlebnis der “Sturm der Stürme” eher die Ausnahme war - siehe hier!
Bobby Schenk
