Frage von Thomas Schwiering, ob neben dem elektrischen Ruderautomaten eine zweite Windsteueranlage notwendig ist?

Hallo Herr Schenk,

ich möchte mich mit der Bitte um einen Ratschlag an Sie wenden. Ganz kurz zu meiner Person, damit Sie auch wissen, wer Sie hier befragt.

Ich bin zurzeit noch als Berufssoldat (Hubschrauberpilot CH-53) bei der Bundeswehr beschäftigt….Ich habe mir vor zwei Jahren eine Motiva 41 Stahl-Ketsch zugelegt, um die Hardware zu besitzen, unseren Traum (meine Frau und ich) von einer Weltumsegelung zu verwirklichen. Ihr Buch, Blauwassersegeln, habe ich schon vor 6 Jahren gelesen. Darauf hin habe ich im Selbststudium mit Ihrem und dem Buch von Heinz Meier Astronavigation erlernt.  Als ich dann als einziger Prüfling 2007 noch mit meinen „HO Tafeln“ in Hamburg bei der Prüfung erschien, waren die Augen der Prüfer voller Bewunderung… Vielleicht aber auch Mitleid! Wie auch immer - SHS bestanden…

Ich habe allerdings auch „Resümee einer Weltumsegelung“ mit großem Interesse gelesen, da es mir in einigen Punkten „aus der Seele“ spricht. Es geht hier vordergründig um die vermeintlich notwendige Ausrüstung mit Kurzwelle sowie aller erdenklichen Ersatzteile. Ich favorisiere auch eher ein Iridium-Handy anstelle HF.  Am Funkzeugnis soll es nicht scheitern, das LRC besitze ich. Allerdings sind die Anschaffungskosten für HF doch erheblich. Einen  Wassermacher (120 ltr/h) habe ich mir als Marke“Eigenbau“ letztes Jahr eingerüstet. Er funktioniert prima…Mein Schiff verfügt über einen leistungsstarken Autohelm Autopiloten, der über Kettenantrieb direkt auf die Steuerwelle kurz vor dem Schneckengetriebe am Ruderblatt angreift. Das Schiff verfügt über 720 Ah Batterieleistung, die über eine 140Ah Mastervolt Hochleistungslichtmaschine gespeist wird. Der Wassermacher ist über Riemenantrieb an die Hauptmaschine (120 PS Ford Lehmann) gekoppelt. Ich plane also die Stromversorgung in der Hauptsache über den Motor. Allerdings habe ich auch zwei Solarpanele, die ich am Besanmast unterm Radar fahre.

Jetzt zu meiner Frage:Vor diesem Hintergrund, und der Tatsache, dass ich auf den langen Passagen ohnehin ca. alle 3 Tage den Motor mal laufen lassen muss (Wasser und Strom machen), ist da noch eine Windsteueranlage nötig oder zu empfehlen?

 Mit der höflichen Bitte um Antwort verbleibe ich mit freundlichen Grüssen,

Thomas Schwiering


21.10.2012

Hallo Herr Schwiering,

zunächst einmal meine Gratulation zu Ihrer Yacht. Die ist fürs Blauwassersegeln zielsicher praxisgerecht ausgerüstet. So würde ich es für meine (Einrumpf-)Yacht auch wünschen. Inbesondere was die Batteriekapazität anbetrifft, haben Sie Nägel mit Köpfe gemacht. Und einen Watermaker selber bauen? Alle Achtung! Eigentlich wünschte man sich eine solche Ausrüstung schon ab Werft! Aber schauen Sie mal, wo Sie sowas kriegen: Fehlanzeige.

Nur in einem werden Sie sich täuschen: Mit “den Motor alle drei Tage laufen lassen”, werden Sie nicht hinkommen. Ich schätz mal: Jeden Tag eine Stunde wirds für die Energiergewinnung brauchen. Von Ihren Solarpaneelen bekommen Sie Strom geschenkt, aber es wird viel weniger sein, als Sie erwarten. Haben Sie einkalkuliert, dass Ihr elektrischer Ruderautomat unterwegs 5 bis 10 Ampere zieht? Und das 24 Stunden lang!

Damit sind wir beim Thema. Eine Selbststeueranlage ist bei Langfahrten schlechthin unverzichtbar. Wenn Sie Berichte von anderen Seglern lesen, die, aus welchen Gründen auch immer, gezwungen waren, per Hand zu steuern, so mündet das nahezu immer in ein Klagelied. Der Laie wird sich fragen, warum die Segler darüber jammern. Die Antwort liegt auf der Hand: Segeln ist zwar unser Traumhobby und Rudergehen, heißt auch die Seglei genießen. Eine Stunde lang, vielleicht auch zwei. Aber wenn es 24 Stunden werden und das tagelang so ist, dann beginnt man, das Segeln nicht mehr so schön zu finden. Kurzum, es wird zur Qual.

Nachem sich Ihre Yacht bestimmt nicht selber steuert, also unter Segel ungefähr den Kurs hält, sollten Sie danach trachten, niemals ans Ruder gezwungen zu werden. Das werden Sie auch nicht, solange Ihr elektrischer Automat funktioniert. Auch wenn es sich bei Ihrem Gerät um einen leistungsfähigen und weitgehend(!) funktionssicheren Automaten handelt, kann nicht ausgeschlossen werden, dass der nicht mal unterwegs seinen Geist aufgibt. Und dann haben wir eine mittlere Katastrophe.

Deshalb würde ich Ihnen raten, sich eine Windsteueranlage ans Heck zu bauen, damit gewinnen Sie viel Unabhängigkeit. Auf meiner THALASSA hatte ich einen elektrischen Rudergänger (wird auch in der Berufsschifffahrt eingesetzt), der fast immer höchst zufriedenstellend funktionierte, Aber eben nur “fast”. Als er eines Tages auf hoher See einmal schlecht gelaunt war und ausstieg (möglicherwiese ein Software-Fehler) waren wir richtiggehend erleichtert, dass wir innerhalb ein paar Minuten auf unsere Windpilot-Anlage umsteigen konnten. Der Törn war irgendwie gerettet, denn die Windsteueranlge brachte uns zum Zielhafen ohne dass wir auch nur einen Augenblick ans Ruder mußten.

Mit dieser Einstellung bin ich nicht allein. Wenn Sie sich das Bild von Jimmy Cornells (im Cockpit) eigener Yacht AVENTURA ansehen, entdecken Sie dort auch die Windpilot-Anlage, obwohl ich sicher bin, dass er auch einen elektrischen Rudergänger an Bord hatte. Gerade für Sie als Pilot wird es unverzichtbar sein, über eine Redundanz zu verfügen.

Viele Grüße!

Bobby Schenk

zur Home-Page