Frage von N.Schiener

Hallo Herr Schenk,
ich kam erst relativ spät zum Segeln und verbringe seit einigen Jahren mit meiner Familie den Jahresurlaub auf Charteryachten in der Türkei oder in Kroatien. Meine Erfahrungen, insbesondere bei stärkerem Wind und Welle sind daher eher nicht so toll.
Nun habe ich einige Bücher gewälzt, darunter auch von Ihnen, und es blieb mir da speziell eine Frage offen.
Folgende Situation: Ich segle bei halbem Wind bei Bf. 4 - 5, Böen bis zu 6 Bf und habe schon mächtig Krängug im Boot. Zum Reffen oder Segel bergen sollte ich jetzt in den Wind gehen, was aber die Krängung noch verstärkt und mir das Boot evtl. sogar aufs Wasser legt. Meine Crew und auch ich selbst hätten bei so einem Manöver, mangels Erfahrung, keine große Freude. Meine Idee für einen solchen Sachverhalt wäre jetzt die Schoten loszuwerfen, bei killenden Segeln in den Wind zu gehen und zu Reffen. Gibt es ausser dieser Variante noch eine elegantere Lösung (evtl. auch Halsen)? Und wie würde sich das Loswerfen der Schoten auswirken, wenn ich mit Bullenstander fahre, den ich vom Cockpit aus nicht bedienen kann? Auf Charteryachten sind sie nicht installiert und man muss den Bullenstander evtl auf einer Klampe am Vorschiff fahren. Jemand während des Manöver auf das Vorschiff zu schicken will ich nicht riskieren.
Im Voraus vielen Dank für einen Tipp.
Viele Grüße
N. Schiener


13.5.2013

Hallo Herr Schiener,

über Ihre Frage habe ich gelächelt. Nicht, weil sie etwa dümmlich ist, sondern, weil sie ihr Problem so offen eingestehen (Schiss, aufs Vorschiff bei diesen Bedingungen zu gehen) und weil ich diese Situation, die auch mir Unbehagen bereitet, sehr gut nachempfinden kann.

Und weil es hierfür eine Patentlösung gibt:

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](/)Das von Ihnen beschriebene Dilemma kommt von den festgefahrenen jahrzehntelangen Lehren, wie in den Segelschulen und Vereinen praktiziert und dann kritiklos von Generation zu Segler-Generation weitergegeben. Sie kommen aus den Zeiten, wo man binnen oder höchstens auf der relativ ruhigen Ostsee, nicht aber auf der “richtigen” Hochsee gesegelt ist.

Seien wir doch einmal ehrlich: Warum sollen wir unter den von Ihnen geschilderten Umständen eine Wende fahren? Weils pressiert oder weil wir keinen Luvverlust haben wollen? Aber das gilt doch nicht beim Urlaubtörn! Oder außerhalb einer Regatta.

Sie haben die Lösung ja selbst angedeutet. Gehen Sie, am besten mit Benutzung des Bullenstanders vor den Wind oder fast vor den Wind, dann kommt gleich Ruhe ins Schiff. Kein Stampfen, das sie auf dem Vorschiff in die Höhe schleudert und sie den Boden unter den Füßen nicht mehr spüren, kaum Killen von Segel und Schoten, die Ihnen um die Ohren fliegen, keine Krängung! Und der spürbare Wind hat auch um zwei Stärken nachgelassen. Also Ruhe im Schiff und Ruhe für Ihre Psyche. Wenn Sie ganz sicher gehen wollen, dann gehen Sie nicht platt vor den Wind, damit nicht nur der Bullenstander ein Herumschlagen des Großbaums verhindert.

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](/) Dann können Sie in Ruhe arbeiten. Ja sogar - mit etwas Geduld - das Großsegel reffen, weil der Druck im Segel erheblich nachgelassen hat. In der Ozeandünung wird das unvermeidliche Rollen der Yacht auch dafür sorgen, dass das Segeltuch regelmäßig für ein paar Augenblicke nicht mehr an Mast und Saling anliegt, sodass es sich ohne das geringste Scheuern in der Mastschiene bewegen lässt.

Sie werden so auch Zutrauen zum ordentlichen Halsen, also zwingend vorheriges Dichtholen der Großschot, bekommen und es - immer mit Sicherung durch den Bullenstander - fast als das allein seligmachende Manöver ansehen.

Ich muß da an meinen Segellehrer Sailer denken, der in den Scheinprüfungen immer wieder die Frage gestellt hat: “Was machen Sie, wenn Sie bei 7 bis 8 Windstärken eine Wende versuchen und nicht mehr durch den Wind kommen? Die Musterantwort kennen Sie jetzt!

Ich gestehe Ihnen gern, dass ich auf offener See mit entsprechender Dünung schon jahrelang bei zigtausend Seemeilen keine Wende mehr gefahren hab, sondern gemütliche und unaufgeregte Halsen. Wohl die Weisheit des Alters!

Die ist sicher auch mit dran schuld - neben dem Großbaum der mir eine Platzwunde an der Stirn einbrachte, die genäht werden musste - , dass ich es ratsam finde, einen “Bullen” auf allen Kursen, selbst am Wind zu fahren. Erfahrene Langfahrtsegler kennen die Situation, wo der Ruderautomat mal etwas irritiert ist und die Yacht in den Wind fährt. Oder wenn der Wind einschläft und das Schiff nur noch der Dünung folgt. Bemerkbar in der Koje ist die Situation am Gedröhne und dem heftigen Rütteln der Großbaums an der nunmehr losen Großschot. Was schon manchen Großschotblock zerstört hat. Ist der Großbaum dagegen mit Großschot und Bullenstander “gefesselt”, passiert gar nichts, ausser, dass die Yacht mit backgesetztem Groß vergleichsweise ruhig dümpelt. Wenn es nicht pressiert, wird der Skipper die Restfahrt der Yacht (oder eben versuchen, Fahrt aufzunehmen) nützen, um eine Hals zu segeln und dann ohne Segel, Bullen oder Großschot zu berühren wieder auf den alten Kurs zu gehen - Ausprobieren!

Zum Durchsetzen der Bullentalje ist es nicht notwendig, sich den Gefahren eines Vorschiffaufenthalts auszusetzen. Sie können einen langen Stropp nehmen, den von der Großbaumnock zu einem Block am Vorschiff und zurück ins Cockpit führen. So einen Block würde ich mir für einen Charterurlaub mit ins Gepäck nehmen. Das Durchsetzen erfordert nicht den geringsten Kraftaufwand, wenn man den Großbaum etwas weiter wie notwendig fiert, den Bullen belegt und die Großschot wieder dichtholt.

Eine noch bequemere Lösung stellen zwei vorsorglichen Bullenstander dar, je einer an Backbord und einer an Steuerbord.

Mast- und Schotbruch! Bobby Schenk

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