IWeltumsegeln kann doch nicht so schwer sein!

Jährlich werden von rund einem Dutzend deutscher Yachten Weltumsegelungen erfolgreich durchgeführt, das heißt, sie legen 360 Längengrade zurück, kreuzen zweimal den Äquator und dann Ihre anfängliche Kurslinie. Das sind die Törns, von denen wir hören und die teilweise hier auf dieser Webseite unter Who-is-Who verzeichnet sind. In eine andere Schublade gehören die groß angekündigten einfachen oder auch doppelten Einhand-Non-Stop-Weltumsegelungen, die dann bei Cuxhaven (!!!) oder weiter südlich enden, weil sich Zahnschmerzen einstellten, der Ofen nicht mehr funktionierte oder weil eine Geliebte des Skippers zugestiegen war und somit die Einhand-Weltumsegelung schon nach ein paar Dutzen Meilen beendet, aber nicht vollendet war. Diese Show-Unternehmungen - für was, außer für die PR soll gut sein, monatelang nichts anderes als Wasser und Horizont zu erblicken - ist nichts anderes als Show-Business!

Die Rede ist von ganz anderen Lebensunternehmungen: Für ein paar Jahre aussteigen, was Besonderes schaffen, die Welt und ihre Land und Menschen kennenzulernen. Mit Zahlen gut zu belegen, hat der Wunsch, die Erde unter Segel zu umrunden in den letzten drei Jahrzehnten sprunghaft zugenommen. Aus zahlreichen Mails weiß ich, dass einige eine Weltumsegelung als eine Art Lebensaufgabe ansehen. Sie sprechen davon, dass sie demnächst “ihre” Weltumsgelung starten. So als ob in der Bibel nicht nur von drei Lebensaufgaben (Haus bauen, Sohn zeugen, Baum pflanzen) geschrieben die Rede ist, sondern dass als vierte Pflichtaufgabe die Weltumsegelung hinzuzurechnen sei

Schön, es sei jedem gegönnt. Was mich stutzig werden läßt: Ich kann über mehr als einem Jahrzehnt in meinen Blauwasserseminaren zahlreiche Segelfreunde beobachten, wie sie ganz offensichtlich, mit viel Elan, Interesse und Wissen an ihre Langfahrtzukunft herangehen. Wo aber bleiben sie später beim Transocean-Festakt, wo jährlich Weltumsegler geehrt werden? Es gibt ja nur wenige Möglichkeiten, wo sie abgeblieben sind: Entweder sind sie gleich nicht losgefahren, das sind sicher die wenigsten, oder aber sie haben sich von vorneherien mit einer Atlantiküberquerung plus Sabbatical in Westindien begnügt, oder aber, sie haben ihre Weltumseglerpläne nicht durchgezogen.Ein bemerkenswerter Prozentsatz von angehenden Weltumsgelern steigt also früh- oder vorzeitig aus. warum?

Ich bin sicher, weil sie die notwendigen Prioritäten nicht gesetzt haben. das geht schon mit dem dümmlichen Spruch an, dass man vor allem segeln können muß. Und noch belehrender: Lern erst mal mit der Jolle umgehen, dann kannst Du Dich langsam an eine Yacht heranmachen.

Jollensegeln hat mit Weltumsegeln soviel zu tun, wie Autofahren mit Camping. Sicher, Führscheinkönnen sollte schon sein, aber man muss kein Rallyfahrer oder gar Formel1-Fahrer sein, um einen Wohnwagen zu seinem Standplatz in Italien zu bringen. Ähnlich verhält es sich mit einer trägen Fahrtenyacht. An- und Ablegen sollte man beherrschen, der Rest ergibt sich auf den ersten paar hundert Meilen von selbst.

Die Prioritäten für eine typische Weltumsegelung zu zweit (was ja natürlicherweise der Normalfall ist) auf der Passatroute sind ganz andere. Und wenn man sich nicht an diese Reihenfolge hält, scheitert man nach meinen Beobachtungen:

An erster Stelle steht die Gesundheit der Crew, was eigentlich Selbstverständlichkeit ist, wenn man so eine Unternehmung angeht. Viel Sportlichkeit ist nicht gefragt, schadet aber nicht. Wichtiger ist die sportliche Einstellung: “Das schaffen wir schon!” Sie läßt auch manche Krisensituation leichter meistern, als dass man sich in ängstliche Bedenken flüchtet.

Mindestens genauso wichtig wie die körperliche Gesundheit ist die seelische. Und dazu gehört in erster Linie der richtige Partner oder Partnerin. An dieser Priorität sind schon zahlreiche geplanten Globusumrundungen unter Segel gescheitert. Wie das, weiß man das nicht schon lange bevor es losgeht? Wenn ich mir die Pärchen in meinen Blauwasserseminaren so ansehe, habe ich das Gefühl, mit denen müsse es klappen. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Viele geträumte Weltumsegelungen platzen wegen des Partners.

Sicher ist meine Betrachtungsweise altmodisch, aber deswegen nicht falsch, da bin ich sicher: Oft ist es doch ER, der sich für die Segelei begeistert, was SIE - einem altbewährten Rollenverständnis folgend - dann eben “ihm zuliebe eben so mitmacht”. In der Hoffnung, dass die Begeisterung sich irgendwann schon einstellen würde. Eine böse Rolle spielt hierbei die allgegenwärtige Seekrankheit mit ihren psychischen Komponenten, die sich natürlich solche Frauen als leichte Opfer sucht. In ihrem feuchten Elend, vielleicht herrscht auch noch schlechtes Wetter und am Schiff ist Einiges kaputt, wird sie sich vielleicht eingestehen, dass sie all die Opfer ja nur IHM zuliebe bringt und von da an befindet SIE sich in der Opferrolle - der Tod für jede Partnerschaft auf einer Blauwasseryacht. Es ist zum Kotzen!

Was folgt ist die Einsicht, dass es so nicht weitergeht. Einzig richtig wäre es in dieser Situation die Weltumsegelung abzubrechen. Häufig und vernünftigerweise aber steigt sie dann aus, während er gern in der Marina die Story erzählt, wie großzügig seine Frau ist, die ihm die Fortsetzung der Weltumsegelung mit Crew oder alleine gönne, während sie zu Hause sitzt. Dass ich nicht lache…

Voraussetzung für das Gelingen einer Weltumsgelung ist die “richtige” Yacht. Richtig ist sie nicht, weil sie schnell ist oder teuer oder representativ (was in den Marinas dann doch zu relativieren ist) wäre sie dann, wenn sie keinen Ärger machen würde, wenn nichts kaputt geht, wenn keine langen Slipaufenthalte notwendig wären, wenn sie sicher ist. Leider gibt es das fast nie. Dann wird der Crew Gelassenheit abverlangt, die manchmal an die Grenze des Erträglichen geht. Mann kann diesen Problemen vorbeugen, indem man seine Yacht, nein, nicht besonders gut und umfangreich, sondern besonders einfach, besser noch primitiv ausrüstet.

Immer noch, seit hunderten Jahren, gilt Murphies Law besonders auf Langfahrtyachten: “Was kaputtgehen kann, wird auch kaputtgehen!”. Und je weniger an Ausrüstung vorhanden ist, desto weniger kann von Murphies Law getroffen werden. So einfach ist das. Ich hab selten erlebt, dass eine Yaxcht, die von Eigner besonders sorgfältig und umfangreichst jahrelang ausgerüstet für die geplante Weltumsegelung ausgerüstet worden ist, den Plan auch zu Ende gesegelt hat. Andere Yachten, die sich um die Ausrüstung nicht so viele Gedanken gemacht haben, sondern mit guter Seemannschaft, also mit Repekt vor der Natur, vor der See und einem bewährten Schiff losgesegelt sind, haben es ohne Zwischenfälle geschafft. Als ich im Sommer auf dem Treffen von GfK-Yachten war, die allesamt älter als 25 Jahre alt und in laufender Pflege waren, war ich mir sicher, dass man mit nahezu allen dieser alten Damen am nächsten Tag auf Weltumsegelung gehen hätte können. Oder sehen Sie sich die beiden Weltumsegelschiffe auf den Bildern an. Wenn die sieben Hippies auf dem ehemaligen verrosteten Eisbrecher lange ihre “Yacht” vorbereitet hätten, wären sie nie losgekommen. so sitzen sie in einer der schönsten Buchten der Welt mitten in der Südsee. Und der andere junge Mann muß sich halt damit abfinden, dass in seiner Koje ausser seiner Guitarre und ihm niemand Platz hat.

Und die Kunst des Seglens? Kurz und bündig - siehe oben: 14 Tage Mitfahrt auf einem Überführungstörn und ein Skipperlehrgang mit ein paar Dutzend Anlegemanäövern unter Maschine reichen.

Ein überragendes Hauptthema war noch vor drei Jahrzehnten die Navigation. Hierfür mußte man schon ein halbes Jahr auf der Schulbank,um sicher die Yacht in den Hafen auf der anderen Seite des Ozeans mit Hilfe der Gestirne zu manövrieren. Dank GPS ist das heute vorbei. Damit kann jeder navigieren. Zugegeben, es gibt Profis, die es fertibringen, eine Yacht aufs Riff ohne Not zu setzen und dabei Menschenleben in höchste Gefahr bringen. Human error, menschliches Versagen halt. Aber solch ein Vorfall aus jüngster Zeit - neun sportliche Männer segeln dumpf in die Finsternis mit dem lauernden Riff hinein - ist nicht geeignet, die Schwierigkeit der heutigen GPS-Navigation zu belegen. Wenn der zukünftige Weltumsegler in der Lage ist, den auf dem GPS abgelesenen Standort in eine Seekarte einzubringen und dann einen Kurs an den Landmassen vorbei absetzen kann, wird er seinen Weg um die Welt schon finden.

Man sollte sich nichts vormachen, aber die finanzielle Absicherung des Unternhmens ist ein Must. Das Leben an Bord und Nichtstun muss man sich leisten können und da unterliegen viele dem Irrtum, dass dies besonders billig ist. Die Zeiten von Wolfgang Hausners Formel “one dollar a day” sind längst vorbei. Yachen sindn nicht mehr immer gern gesehene Gäste, die man mit Obst und Fisch unterstützt. Dass die vorhandenen Abeitsplätze den Einheimischen und nicht dahergesegelten Yachties vorbehalten bleiben ist andernorts selbstverständlich und steht ehern fest. An vielen, auch exotischen Orten gelten Yachten als Ausdruck des Reichtums ihrer Besatzung und deshalb versuchen die Locals an diesem Reichtum teilzuhaben, sei es mit Marinagebühren, Einklarierungssätzen, teuren importierten Lebensmitteln, raren Grundnahrungsmittel, Ankergelder, Leuchtfeuergebühren - oder auch mit brutalen Überfällen.

Aber solche Einsichten sind oft in den Wind gesprochen.

Bobby Schenk

wenn man segeln kann, erhöht das den Spaß, in den meisten Fällen allerdings nur für ihn.

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