Leben fürs Segeln und Mehr

Böse Zungen behaupten ja, Carla Schenk ist die starke Frau „vor" Bobby Schenk. Tatsache ist, dass sie mehr Meilen auf dem zierlichen Buckel hat als ihr Ehemann Bobby Schenk. Es sind zwar nur läppische dreitausend, aber immerhin. Und ich hatte das Vergnügen mit Carla nicht nur ohne Instrumente über den Atlantik zu segeln („ohne Compass und Co"), sondern noch einmal über den großen Teich, währenddessen Bobby für seine Pension arbeiten musste.

Liebe Carla, (eigentlich heißt Du ja „Karla“, aber Bobby findet, „Carla“ klingt moderner). Es war im Dezember 1995 und wir waren mitten auf dem Atlantik, zwischen Europa und Amerika. Ich erinnere mich gerne an unsere gemeinsamen Nachtwachen im Cockpit der SY SARITA. Wir erzählten einander Geschichten über die abenteuerlichen und interessanten Typen von Menschen, die wir durch das Segeln kennengelernt hatten. Ein paar aus meinem Leben waren mit uns an Bord auf dieser Reise, eine merkwürdig bunte Crew. Wir beide hatten unendlich viel Spaß, lachten viel, tranken Rotwein von den Kanaren, staunten über den Sternenhimmel und erzählten Geschichten um Geschichten.

Ganz besonders ist mir ein Abend im Gedächtnis geblieben. Der Sundowner lag ein paar Stunden zurück, die restliche Crew schlief und wir beide saßen wieder einmal im Cockpit, als Du plötzlich mit zufriedenem Lächeln sagtest: „Weißt du, was das Allerschönste an diesem Törn ist? Dass ich den großen Bobby überholt habe. Jetzt habe ich mehr Seemeilen als er. Und er wird nie wieder die Chance haben, das einzuholen, weil wir ja immer alles nur gemeinsam machen – außer dieser Reise“.

Ja, Carla, so war es dann auch. 3.000 Seemeilen hast Du mehr im Kielwasser als Bobby – und ich bin stolz und glücklich, dass ich die Ehre hatte, Dich auf diesen 3.000 Seemeilen in die Rodney Bay auf St. Lucia begleitet zu haben.

Carla hat seglerisch Beachtliches geleistet: 1965 begann sie auf dem kleinen, nur knapp sieben Kilometer langen Waginger See mit Bobby die Segelei auf einem Jollenkreuzer beim dortigen Segelclub. Schon 1970 ist sie mit Bobby auf der 10-Meter-Yacht THALASSA um die Welt gesegelt. Das war zu einer Zeit, als man noch mit dem Sextanten kleine Riffeinfahrten suchen musste. Als es noch keinen Sender, kein Satellitenhandy und kaum Informationen über die Törnziele im Pazifik und Indischen Ozean gab. Als man noch die Eier mit Vaseline eingerieben hat, um sie sechs Monate lang haltbar zu machen. Denn Planung und Kochen waren Carlas Spezialfächer bei der Arbeitsteilung auf der Thalassa. Das Resultat dieser vierjährigen Weltumsegelung waren dann auch die Bücher von Carla „Die Bordküche" und „Perfekte Törnplanung“, die sich heute noch in mancher Bordbibliothek einer Langfahrtyacht befinden.

Zurück in Ihrem Beruf als Apothekerin besuchte die Weltumseglerin dann für Bayer Münchner Universitätskliniken. Und gewann nebenbei die Bayerische Meisterschaft im Tischtennis (so wie sie schon früher in dieser Sportart deutsche Jugendmeisterin gewesen war - bayrische Meistertitel hat sie über dreißig angesammelt). Anschließend kauften die Schenks ein holländisches Stahlboot, immerhin 15 Meter lang, aber nur 230 Tausend Mark teuer, nämlich die THALASSA II. Kurs war die Südsee, wo es den beiden auf der Weltumsegelung am besten gefallen hat. Nach vier Jahren holte sie die Langeweile ein und Carla drängte Bobby dazu, Richtung Heimat den schwierigen, aber logischen Weg rund Kap Hoorn zu nehmen. Kein leichtes Unterfangen, 22 Tonnen Stahl von zwei Leutchen durch die brüllenden Vierziger zu manövrieren - ohne Rollsegel, selbstholende Winschen etc. - wie es heute üblich ist. Nach 55 Tagen wurde kurz in Argentinien gestoppt, das Schiff neu verproviantiert, um es dann 72 Tage lang ohne Landsicht ins Mittelmeer zu segeln. Nur die beiden Schenks an Bord dieses Stahlungetüms, ohne Chartergäste oder sonstige Hilfen.

Während Bobby wieder die Akten bei Gericht wälzte, schmiedete Carla die nächsten Pläne, also die erwähnte Atlantiküberquerung mit Sonnennavigation, aber ohne Sextant, Seekarten, GPS, Uhr und Sender. Warum nicht mal fliegen? Mit 58 Jahren machte die Vielseitige den Flugschein, um später dann mit ihrem Mann dreimal in einem einmotorigen Flugzeug den Atlantik zu überqueren. Sein Leben auf einen Motor zu setzen, sieht Carla heute als das riskanteste Unternehmen an, während sie zum Ärger mancher gestandener Seeleute das Segeln als „völlig ungefährlich" einschätzt. „A wuide Henna is die Carla, die ihren Mann über die Ozeane treibt", meinte vor kurzem ein Mann des österreichischen Fernsehens. Dazu passt auch der gelungene Versuch, im Ferrari auf der Autobahn die 300-Kilometer-Marke zu übertreffen - übrigens in Gegenwart eines Journalisten der sicher nicht gerade rechtslastigen Süddeutschen Zeitung.

Während Bobby beim Amtsgericht München versuchte, Recht zu sprechen - mehr kann ein Mensch nicht - , organisierte Carla Hunderte von Vorträgen in Vereinen, bei Firmen, für Buchhandlungen vom Kongress-Center in Hamburg bis zum Audimax in Wien, wo Bobby über die Abenteuer der beiden sprach.

Nach der Pensionierung von Bobby wurde der Katamaran THALASSA, 14 Meter lang, angeschafft. Die Reise ging zehn Jahre lang immerhin zwanzigtausend Meilen weit über Polynesien, Indonesien bis nach Südostasien, speziell nach Malaysien. Carlas Résumé über den Katamaran „Ein halbes hundert Argumente für einen Katamaran" (hier klicken) kennt inzwischen fast jeder, der sich für einen Fahrtenkatamaran interessiert.

Ehrungen hat Carla viele bekommen. Vom österreichischen Hochsee-Segelverband wurde sie für ihre Lebensleistung im Segeln ausgezeichnet. Viele nette Vereine, angefangen von der Klassenvereinigung der 16er Jollenkreuzer bis hin zum Freiwilligen Seenotdienst führen sie als Ehrenmitglied. Besonders aber freute sie sich, dass sie der Waginger Segelclub (WSC) zu ihrem 80. Geburtstag zum Ehrenmitglied ernannte, der kleine Verein, der immerhin ein paar Weltmeister im Segeln hervorgebracht und bei dem Carla vor einem halben Jahrhundert den A-Schein gemacht hat. So hat sich der Kreis geschlossen.

Thomas Dobernigg, Chefredakteur OCEAN7