Frage von Norbert Ludwig
Sehr geehrter Herr Schenk,
immer wieder gerne lese ich Ihre vielen Beiträge und Ratschläge zum Blauwasser und Fahrtensegeln. Man kann davon süchtig werden:
Stellen Sie sich vor, Sie wären 60 Jahre alt, gut bei Gesundheit und müssen/wollen einige Jahre auf den Bahamas verbringen. Gesegelt hätten Sie bisher noch gar nicht. Ein paar Angelboote mit 15 HP Außenborder in den norwegischen Fjorden - sonst nichts. Nun sind die Bahamas eine Inselgruppe und genügend Zeit hätten Sie auch. Um zur Frage zur kommen: Halten Sie es für möglich mit 60 noch mit dem Segeln anzufangen. Falls ja. Wie würden sie vorgehen? Katamaran mit Skipper chartern und erst mal zusehen? Oder lieber erst mal einen Seegelschein mit einer Jolle machen? Das anspruchsvolle Ziel wäre auf den Bahamas fähig zu sein zu zweit oder womöglich auch mal alleine von einer Insel zur anderen zu gelangen Strecken von 50 100 sm (bei gutem Wetter, soweit vorhersehbar). Und wenn Sie das grundsätzlich für möglich halten brauche ich da einen 45 Fuß Katamaran oder tut es auch 35 Fuß? Anders gefragt, muss ich 200.000,- und mehr ausgeben oder habe ich auch eine Change mit 50 70T EUR etwas Gebrauchtes aufzugabeln, was für den Zweck reicht? Natürlich würde ich auch gerne mal die eine oder andere Woche alleine oder zu zweit auf dem Boot verbringen (eine Anglerhütte im Naturschutzgebiet hat mir auch immer gereicht) aber dauerhaft wohnen muss ich da nicht. Nur sicher z.B. von Nassau nach Andros oder gar Miami gelangen. Ein Katamaran wäre zwar der Traum, ist aber nicht unabdingbar. Wie würde Sie das Thema angehen?
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie antworten und ich glaube dass sich viele, auch gerade, wenn sie schon etwas älter sind, ganz ähnliche Fragen stellen.
mit freundlichen Grüßen
Norbert Ludwig\
25.1.2016
Sehr geehrter Herr Ludwig,
In Ihrer Situation - “gut bei Gesundheit” - ein uneingeschränktes Ja!
Auch Ihr Alter ist sicher kein Hindernis. Ich habe circa 15 Jahre auf dem Wasser zugebracht, davon die meiste Zeit auf Ankerplätzen rund um den Globus, und die Segelfreunde auf den anderen Schiffen und Yachten waren im Schnitt auch schon in einem etwas gesetzteren Alter, 60 Jahre waren jedenfalls nichts Ungewöhnliches. Die Ankerplätze füllen sich im Gegenteil in den letzten Jahren immer mehr mit Rentnern und Pensionäre, die die Pensions- oder Renten-Grenze längst überschritten haben.
Um die Ausbildung und das “richtige” Schiff geht es
So wären also nur zwei Punkte zu klären, nämlich die Frage nach der richtigen Ausbildung fürs weltweite Fahrtensegeln und die Auswahl des “richtigen” Schiffes.
Sie sind zwar erst 60 Jahre alt, aber es wäre schade, wenn Sie in die Ausbildung mehr Aufwand investieren wollten als nötig. Würden Sie, wie von Ihnen angefragt, einen Segelschein für eine Jolle machen, so würden Sie sinnlos ein oder zwei Jahre “verlieren”, ohne auch nur das Geringste für Ihr Ziel gewonnen zu haben. “Dickschiffsegeln”, also das Segeln mit einer hochseetüchtigen Yacht hat nämlich mit dem Jollensegeln nicht viel gemein. Das ist so unterschiedlich wie Tischtennis und Rasentennis. Sicher die Segelstellung und die Windkraft nutzen mit der richtigen Segelstellung ähneln sich schon, aber das ist ein Bruchteil des notwendigen Könnens und Wissens auf der Fahrtenyacht. Und lernen können Sie das genauso auf einer hochseetüchtigen Yacht. Nichts gegen das Jollensegeln, aber in Ihrem Fall geht es ja darum, keine unnötige Zeit zu verlieren.
So erlernt man das Handwerk
Fahrtensegeln ist ein Handwerk, deshalb spricht man ja auch von der Seemann-“Schaft” und das lernen Sie - wie ein Lehrling in einem Handwerk - am besten in der Praxis auf dem Wasser. Und zwar nur auf einer Hochseeyacht. Da gibt es nun verschiedene Wege.

Sie können zum Beispiel auf einer Charteryacht als Einzelbucher mitsegeln, am Geeignetsten wäre sicher ein Überführungstörn. Nicht nur, weil da besonders viele Seemeilen zurückgelegt werden, sondern weil erfahrungsgemäß bei diesen ermüdenden Törns gerne alle Mannschaftsmitglieder in die Schiffsführung eingespannt werden.
Zielführend wäre auch ein Skippertraining unter der Anleitung eines erfahrenen Skippers, der auch begabt

genug ist, sein Können an die Lehrgangsteilnehmer zu vermitteln Dort lernen Sie das Schwierigste beim Segeln, nämlich das Manövrieren mit schweren Yachten. Sie sollten aber darauf achten, dass Yachten verwendet werden, die auch mindestens so groß (und so schwerfällig) sind, wie die die Sie später selbst verwenden wollen. Skippertrainings gibt es jetzt sogar fürs Katamaransegeln.
Hilfreich ist sicher auch ein normaler Charterurlaub mit anderen Seglern, wobei darauf zu achten ist, dass der Skipper auch bereit ist, sein Wissen weiterzugeben. Das ist bei berufsmäßigen Skippern nicht selbstverständlich, denn für die gilt es in erster Linie, so einen Törn möglichst störungsfrei über die Runden zu bringen.
Wo Sie wahrscheinlich die beste Ausbildung bekommen würden, wäre bei einer anerkannten Ausbildungsstätte, zum Beispiel beim DHH (Deutscher Hochseesportverband Hansa e.V.), der mehrere Segelschulen betreibt. An erster Stelle steht hier wohl die Hanseatische Yachtschule Glücksburg, die ich gerne als die Gralshüterin der Seemannschaft bezeichne. Wer dort auf einer Hochseeyacht die entsprechende Ausbildung erfolgreich absolviert hat, kann sich getrost auf alle Weltmeere wagen.
Helfen lassen bei der Schiffswahl
Bei der Suche nach dem “richtigen” Schiff spielen so viele individuelle Elemente eine Rolle, dass hier wenig Allgemeingültiges gesagt werden kann. Die von Ihnen genannten Summen deuten aber darauf hin, dass Sie bereits jetzt durchaus realistische Vorstellungen haben. Ich an Ihrer Stelle würde mich mit Hilfe eines Insiders (das kann ein begeisterter Segler, am besten ein Schiffseigners sein) auf die Suche machen, hier sollten Sie auch ruhig ein paar Euros investieren, beim Preis für eine Yacht fällt das nicht ins Gewicht. Die Frage, ob Einrumpfboot oder Katamaran ist in diesem Stadium sekundär. Für “Ihr” Revier ist allerdings wohl ein Katamaran mit seinem großen Wohnraum, dem geringen Tiefgang und dem luftigen Salon maßgeschneidert, weil auch seine negativen Eigenschaften (Kentergefahr) kaum zum Tragen kommen dürften.
Nachdem Sie sich einigermaßen auf ein bestimmtes Revier, die Bahamas festgelegt haben, drängt es sich allerdings auf, nicht nur einen Chartertörn quasi “zur Probe” dort in dieser schönen Gegend zu absolvieren, sondern sich auch an Ort und Stelle nach einem geeigneten Schiff umzusehen. Wenn Sie auf einen seriösen Eigner treffen, sparen Sie sich sehr viel Zeit (und Geld) die ansonsten bei der Suche nach dem “richtigen Schiff” verlorengeht und sie können an Ort und Stelle gleich mit dem Leben auf dem Wasser anfangen.
Achten Sie aber darauf, dass Sie ein dort erworbenes Schiff nie nach Deutschland bringen können, wenn es nicht nach CE-zertifiziert ist. Die Prozedur, nachträglich noch so ein CE-Zeichen für die Yacht zu bekommen ist theoretisch möglich, in der Praxis jedoch sind die Schwierigkeiten, auch die Kosten kaum überwindbar.
Für Leute mit soviel Sehnsucht, aufs Wasser zu gehen, wäre auch die Teilnahme an meinem Blauwasserseminar zu empfehlen (noch Plätze frei - (siehe hier!)), wo Sie ausschließlich von hochklassigen Fahrtensegler-Experten zwei Tage lang praktisches Wissen, “wie es draußen wirklich ist” vermittelt bekommen. Nach meinen Beobachtungen lassen sich zahlreiche Träumer oft von falschen Vorstellungen leiten.
Mit freundlichen Grüßen
Bobby Schenk
