Frage von Franz Ulrich Schumacher:

Sehr geehrter Herr Schenk,

zunächst möchte ich mich einmal bei Ihnen persönlich für die schönen Stunden

bedanken, die mir die Lektüre Ihrer Bücher über Ihre Reisen bereitet haben

und die mit dafür verantwortlich gewesen sind, daß sich vor ca. 10 Jahren

der Segelvirus bei mir ausbreitete. Auch Ihree WEB-Site ist große Klasse.

Nach jahrelangem Chartersegeln hegt sich nun auch in meiner Brust der Wunsch

nicht nur 3 Wochen im Jahr zu segeln, sondern bei abnehmender Arbeitszeit

die verbleibende Freizeit auf einem eigenen Boot zu verbringen.

Der Bootstyp, -material und die -größe stehen weitestgehen fest. Ich habe da

allerdings noch eine Frage, die die elektrische Anlage betrifft.

In einem Ihrer Artikel schreiben Sie, daß noch jeder eine 24 Volt Anlage

bereut hätte. Da ich nicht weiß, warum das so ist, bitte ich Sie, es mir (

einem “elektrischen” Laien ) mit kurzen Worten zu erklären.

Vielen Dank im voraus und Ihnen beiden viel Glück und Spaß mit Ihrem neue

Boot

Franz Ulrich Schumacher


Ein entschiedener Befürworter von 12-Volt an Bord bin ich während vieler Jahre auf dem Wasser geworden. Warum?

Sieht man sich bei modernen Werften um, dann kann man feststellen, dass im allgemeinen und bei Schiffsgrößen unter 50 Fuß 12 Volt “üblich” sind. Bei größeren Einheiten gehen Werften meistens auf 24 Volt über.

Die Entscheidung für die Stromspannung wird vor allem durch naturgesetzliche Überlegungen beeinflusst, dann kurz danach vom Geldbeutel:

Wenn wir zu Hause elektrischen Strom als etwas Selbstverständliches ansehen - er kommt eben aus der Steckdose - , dann sind wir uns meistens nicht im Klaren darüber, warum an Bord eines Schiffes alles anders ist. Dabei wundern wir uns doch auch nicht darüber, dass an kalten Wintertagen unser Auto nicht mehr anspringt, weil wir die Batterien leergeorgelt haben. An Bord speisen wir nicht nur den Anlasser, sondern wir leben aus der Batterie , von den Marinatagen mal abgesehen. Deshalb benützen wir Gleichstrom, weil sich nur der “horten”, also während der Maschinenlaufzeit auf Vorrat produzieren läßt.

Gleichstrom hat aber gegenüber Wechselstrom einen großen Nachteil. Er lässt sich nicht mit einem Transformator in einen Strom mit anderer Spannung umwandeln. Das bedeutet in der Bordpraxis, dass mit 12 Volt Batterien nicht 24-Volt-Verbraucher oder umgekehrt betrieben werden können, jedenfalls nicht, ohne mit Tricks zu arbeiten, die aber meist auf Kosten des Stromverbrauchs gehen.

Nachdem es für die übliche Autospannung von 12 Volt nahezu unendlich viele Verbraucher gibt, können wir die für billiges Geld im Supermarkt einkaufen und an Bord benutzen. Alles, was im Auto betrieben werden kann, können wir dann auch auf dem Schiff benutzen ohne “Apothekerpreise” für teures Yachtzubehör zu bezahlen. Gelegentlich gehe ich zu Radio-Konrad, einer Fundgrube für “Yachtzubehör”. Von der Schaltuhr, dem Staubsauer, dem elektrischen Fernkompaß (für 69.- DM) bis hin zum Feinmechanikerwerkzeug ist alles erhältlich - in 12 Volt. 24-Volt-Verbraucher - Fehlanzeige! Dort gibt es übrigens auch so patente Kästen, mit denen man aus 12 Volt 24 Volt “machen” kann. Wie das, wo sich doch Gleichstrom aus der Batterie nicht transformieren lässt? Die Lösung ist entsprechend: Aus 12-Volt-Gleichstrom wird 12-Volt-Wechselstrom erzeugt, dieser dann hochtransformiert, um daraus wiederum aus dem 24-Volt-Wechselstrom Gleichstrom zu machen. Nicht sehr elegant und stromfressend. Der Yachtsmann mit seiner 24-Anlage wird sich wundern.

Nun wäre es kein Unglück, einen 12-Volt-Autoradio mit einem Spannungswandler von der 24-Volt-Batterie zu betreiben, auch wenn die Hälfte des Stroms über Widerstände “verbraten” wird. Ganz anders sieht es aus, wenn es sich um hohe Ströme handelt. Zum Beispiel sind fast alle (technisch hochwertigen) Amateurfunk-Kurzwellenanlagen auf 12 Volt ausgelegt. In den Spitzen liegen die Ströme wohl bei 30 Ampere. Es gibt schlicht keine vernünftige Lösung, ein solches Gerät mit 24 Volt zu betreiben. Ich habe es schon oft erlebt, dass dann die 24-Volt-Apostel eben nur für diesen Zweck sich eine 12-Volt-Anlage zugelegt haben, mit allem Drum und Dran (Lichtmaschine, Regler etc).

Hat man gut sortierte Lastwagengeschäfte in der Nähe, dann bekommt man - mit Glück - zumindest Birnen für die Kajütbeleuchtung . Beim übrigen Zubehör wird es dann schon eng.

Zugegeben, es gibt Grenzen für das 12-Volt-Stromnetz. Wenn ich auf einem 60- Fuß- Schiff eine entsprechende Ankerwinde betreiben muss, dann schaue ich mit 12 Volt alt aus. Da gibt’s genügend Kraft nur mit 24 Volt.

Eine 12-Volt-Anlage hat auch Nachteile. Allerdings keine, die eine gute Werft nicht vorher schon abfangen kann: Soll der Spannungsverlust in zulässigen Grenzen gehalten werden, dann benötigt man für 12 Volt erheblich dickere Leitungen wie für 24 Volt. Was die Sache beim Bau erheblich verteuern kann. Aber dies ist eine einmalige Mehrausgabe. Es sei aber nicht verschwiegen, dass es (kleinere) Werften gibt, die gerade hier glauben, sparen zu können. Der Grund ist meistens nicht einmal Pfennigfuchserei, sondern schlichte Unkenntnis. Ein 24-Volt-Anlage ist dagegen erheblich unkritischer beim Einbau.

Autos werden in naher Zukunft nicht mehr mit 12-Volt-Anlagen ausgerüstet werden, sondern man wird Spannungen oberhalb von 40 Volt benutzen. Dies ist dann der Moment, wo ich begeisterter Anhänger von Borsdtromanlagen mit über 40 Volt werde. Aber bis dahin wir noch einige Zeit vergehen.

Mit freundlichen Grüssen

Ihr Bobby Schenk