Frage von Hans Habeck:
Lieber Bobby Schenk, dies ist nicht die Frage nach so etwas Aufregendem wie einem Kartenplotter oder einem Watermaker. Was mich interessiert, ist ein winziges, ziemlich triviales Ausrüstungsdetail einer Fahrtenyacht: der Schiffsstempel. Ausser den zwei, drei Exemplaren, die ich ‘mal bei Bekannten gesehen habe, weiß ich fast nichts darüber, habe in der Segelausbildung nichts darüber gelernt und in den einschlägigen Lehrbüchern zu diesem Thema nichts gefunden. Können Sie mir weiter helfen? Sollte man ihn an Bord haben? Dient er als Schmuckstück oder braucht man ihn wirklich? Wenn ja, wo und wofür? Welche Angaben sollte er enthalten? Wie sollte er gestaltet sein? Gibt es juristische Aspekte, die bei seiner Gestaltung und Benutzung zu beachten sind? Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen, da ich mit meiner Familie dieses Jahr auf einen mehrmonatigen Törn gehen werde und noch unsicher bin, ob ich mir einen Schiffsstempel anfertigen lassen soll. Mit freundlichen Grüßen Hans Habeck
Lieber Hans Habeck,
es macht Spaß, diese Frage zu beantworten. Denn, wie man sieht, tauchen bei der Fahrtensegelei soviele Fragen auf, an die man zunächst gar nicht gedacht hat, die aber doch so nahe liegen. Eine Gegenfrage vorweg: Warum eigentlich kein Schiffs-Stempel?
Wie haben bei unseren Fahrten eine Menge Yachties getroffen, die einen Schiffs-Stempel gehabt und auch häufig benutzt haben. Und denen er auch, jetzt kann ich mich gut erinnern, nützlich war. Da hab ich mir immer gedacht: So einen solltest du auch haben - und dann habe ich es wieder vergessen.
Zunächst einmal: Wo soll es hier juristische Probleme geben? Wenn man einen Schiffs-Stempel nicht mit falschen Angaben versieht und(!) ihn nicht benutzt, um irgendwelche Leistungen zu erschleichen, die einem nicht zustehen, dann sehe ich keine Probleme. Man wird nicht einmal was dagegen sagen können, wenn da Angaben auftauchen, wie “Kapitän” (kein geschützter Titel), “Master next God” (erst recht kein geschützter Titel), “die Schiffsverwaltung”, “der Zahlmeister”, “1.Offizier”, “Abgesandter des 1.FC Hinterwald”, “Commodore” (auch kein geschützter Titel) oder ähnliches. Das ist mehr eine Geschmacksfrage!
Spaß beiseite! So ein Stempel kann eine sehr nützliche Sache sein. Ob man dem dem Ship-Chandler einen Lieferschein abstempelt, die Abrechnung der Bordkasse bestätigt, vor allem aber die Crewlisten gegenüber dem Hafenkapitän damit versieht oder neben den exotischen Briefmarken auf den Postkarten in die Heimat noch seinen gestempelten Schiffsnamen hinzufügt, die Anwendungsbereiche werden höchstens durch die Phantasie des(r) Skippers/in begrenzt. Kurzum, er schadet nicht.
Und kann sehr nützlich sein. Auf dem Schiff haben wir ja (kaum) eine Schreibmaschine oder einen Computer mit Drucker dabei, das Briefpapier ist auch schon etwas verschrumpelt, sodass Schriftstücke einer Yacht meist doch recht mickrig aussehen. Handgeschriebene Briefe an Behörden erwecken meist Heiterkeit, weil die Beamten halt auch schon an microsoftgestylte Dokumente gewöhnt sind. Handgeschriebene Zettel werden dort nicht so recht ernst genommen. Da kann ein Schiffs-Stempel dem Papier schon mehr Gewichtigkeit aufdrücken. Der Fetzen wird zum “Schriftstück”. Besonders der Deutsche glaubt ja dem gedrucktem Wort eher. Und wenn der handgeschriebene Text mit einem Stempel abgesegnet ist, kommt man dem schon ein bisserl näher.
Aber nicht nur “der Deutsche” ist maschinengläubig. Befindet man sich in entlegenen Gebieten, die nicht schon PC-verseucht sind, dann erhöht ein Schiffs-Stempel die Autorität von Mannschaft und Schiff enorm. Dies gilt vor allem dann, wenn die Besucher auf der Yacht unermesslich bedeutende (und reiche) Menschen - von Weit hergekommen - sind. Da kann ein handgeschriebener ungestempelter Zettel, der häufig wegen Sprach- und Ausbildungsschwierigkeiten unleserlich ist, diesen gelegentlich vorteilhaften Eindruck ganz schön zersetzen.
Jetzt im Ernst: Das Nachdenken über Ihre Frage hat mich zu dem Ergebnis gebracht, dass der Schiffs-Stempel eigentlich zur Grundausrüstung einer Yacht gehört, vor allem schon deshalb, weil er ja kaum teurer als ein guter Schäkel ist. Der Schiffsname sollte mindestens darauf enthalten sein, und zwar mit dem international gebräuchlichen Zusatz “SY” (=Sailing Yacht). Mächtiger und professioneller würde natürlich “Sailing Vessel” klingen, was freilich zum Beispiel am Steinhuder Meer nicht gut ankommen würde. Den Namen und Titel des Skippers (Master, Cäptn, Chief-Ingenieur) halte ich ebenso für unentbehrlich wie die Heimatadresse, die vom Zusatz “Company” enorm aufgewertet würde. Für die unzähligen Eintragungen in Gästebüchern anderer Yachten oder in den Clubhäusern ist so ein Stempel eine enorme Hilfe, vor allem dann, wenn die Hände nach der Leinenarbeit die Feder nur noch krakelig führen.
Gross soll die Schrift sein, denn der (ältere) Besucher hat im Beiboot seine Lesebrille vielleicht nicht dabei. Eine originelle Form des Stempels würde ich mir was kosten lassen. Oval eingerundet, zum Beispiel, sollte er schon sein. Sonst kommt gleich der Verdacht auf, der Skipper habe einen Stempelbaukasten von der Metro an Bord und ändere seinen Stempel nach Belieben ab. Denn: “Mehr sein als scheinen” ist zwar recht edel, bringt häufig aber keine Vorteile.
Mit freundlichen Grüssen
Bobby Schenk
