Frage von Udo Zimmermann:
Sehr geehrter Herr Schenk, nach dem Lesen Ihres Buches " Blauwassersegeln " bin ich mit meiner Bootsauswahl vollkommen durcheinander. Vielleicht koennen Sie mir ja weiterhelfen. Ich moechte erst einmal 1 - 2 Jahre im Veluwemeer (Niederlande) dann im Mittelmeer segeln. Wenn ich genug Segelerfahrung habe, ich bin Segelanfaenger, moechte ich vieleicht mit einer zweiten Person hinaus in die weite Welt. Fuer mein Vorhaben habe ich mir verschiedene gebrauchte Schiffe ausgewaehlt, zu welchem wuerden Sie mir raten. Comfortina 32 Hallberg Rassy Monsun 31 Hallberg Rassy Mistress 32 Forgus 31 Comet 303 Jeanneau Attalia Ohlson 8:8 Sirius 31 Bavaria 890 Ich hoffe Sie koennen mir eine Antwort geben und wuensche Ihnen immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Mit freundlichen Gruessen Udo Zimmermann
Sehr geehrter Herr Zimmermann,
zunächst einmal sollten Sie sich überhaupt kein Schiff kaufen!
Ich weiß schon, der Besitz eines eigenen Schiffes, einer Yacht, ist Teil des Spaßes beim “Hinaus-in-die-Welt-Segeln”. Aber, wenn Sie, wie Sie schreiben, Segelanfänger sind, dann können Sie jetzt Ihren größten Fehler Ihrer ganzen Segelkarriere, die Sie ja noch vor sich haben, machen. Warum?
Die Gefahr eines Fehlkaufs liegt nahe. Die falsche Frau geheiratet zu haben, lässt sich meist leichter korrigieren, als ein Schiff wieder loszuwerden.
Wenn Sie mich gefragt hätten, ob Sie sich einen Mercedes oder einen Smart kaufen sollen, so könnte ich Ihnen leicht eine Antwort geben: “Wenn Sie sich den Mercedes leisten können, kaufen Sie den!” Wenn Sie allerdings fragen, ob Sie sich einen Opel XY oder einen Ford SOUNDSO kaufen sollen, dann ist die Antwort darauf so gut wie unmöglich. Bei Schiffen ist es noch viel schlimmer. Denn alle Schiffe sind, verglichen mit Autos, Prototypen. Wenn von einer Yacht 100 Stück gebaut worden sind, dann ist das schon viel, bei Autos wäre das kaum eine nennenswerte Vorserie. Die geringen Stückzahlen im Schiffsbau haben selbstverständlich auch technische Konsequenzen. Hinzu kommt, dass es ungleich schwieriger ist, eine Yacht zu bauen, als ein Straßenfahrzeug. Schließlich setzt man bei einem Auto nur eine feste zweidimensionale Fahrbahn voraus, auf der sich die Räder halt spurtreu zu benehmen haben. Versuchen Sie mal, die verschiedenen See-Formen auch nur zu beschreiben.
All das führt dazu, dass man den heutigen Yachtbau mit der Automobilentwicklung in der Zeit vor dem Weltkrieg, und zwar des ersten, vergleichen kann.
Hinzu kommt, dass eine Yacht ja nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Wohn-und Lebens-Raum ist. So könnten Sie mich auch fragen, welches Haus Sie sich kaufen sollen. Antwort unmöglich!
Ich kenne fast alle Yachten, die Sie mir genannt haben. Es ist keine dabei, die schlecht ist. Als Segelanfänger können Sie aber naturgemäß nicht einmal die Yacht nennen, die persönlich zu Ihnen passt, die auf Ihre Bedürfnisse besonders zugeschnitten ist. Aber trösten Sie sich, ich bekomme solche Fragen im Dutzend auch von Leuten, die reichlich fortgeschritten sind. Nebenbei - nicht zu selten - sind auch Frager dabei, die sich längst für eine Yacht entschieden haben und das nur noch von Schenk abgesegnet haben wollen. Das liebe ich nicht besonders.
Auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole: Keine Yacht macht einen guten Seemann. Umgekehrt , der gute Segler macht aus einem Schiff die richtige Yacht, für ihn. Ich habe viele Blauwassersegler getroffen, die tolle Reisen mit Yachten durchgeführt haben, bei denen Sie (und ich) heute nur die Nase rümpfen würden. Häufig waren die zu Beginn finanziell gar nicht in der Lage zwischen mehreren Schiffen zu wählen. Sondern sie haben halt eine gefunden, die ganz besonders günstig, weil lange unverkäuflich, war. Unter den Händen von solch bewundernswerten Seglern wurden aus halben Schrotthaufen berühmte Weltumsegleryachten. Wiederum anders lag es beim Grandseigneur aller Fahrtensegler. Die Holz-Yacht von Eric Hiscock, WANDERER III (zwei Weltumsegelungen) war gerade neun Meter lang , aber Hiscock schien sie, zu Beginn, eine riesige Yacht, fast zu groß für die “schwache” Besatzung von nur zwei Leuten. Es ist ganz bezeichnend, dass sie heute noch, vierzig Jahre später, immer noch unterwegs ist, wieder in den Händen eines hervorragenden (deutschen) Seemannes.
Will heissen: Segeln Sie soviel wie möglich auf so vielen Schiffen wie möglich! Chartern Sie als “Einzelbucher”, sammeln Sie Erfahrung mit “Hand gegen Koje”, machen Sie alle (vernünftigen) Scheine! Nicht weil man sie braucht, sondern weil man unter Prüfungsdruck besser lernt.
Nach einer gewissen Zeit werden Sie viel besser selbst entscheiden können, welche Yacht zu Ihnen passt. Wenn ich mir in meinen ersten Tagen auf Blauwasseryachten ein Schiff gekauft hätte, wäre ich vielleicht todunglücklich geworden. Es ist mir heute noch peinlich, wenn ich mich zurückerinnere, für welche Yachten ich schon geschwärmt habe.
Ganz egal, was Sie für eine Yacht mal haben werden, ich wünsche Ihnen “Smooth Sailing”
Bobby Schenk
