Frage von Rainer Hoffmann:
sehr geehrter herr schenk,
ich möchte sie herzlichst um ihre meinung zu einer idee bitten, für deren
zustandekommen, sie mit ihrem hervorragendem buch: “sicherheit an bord”, der
initator waren - aber der reihe nach:
vor 3 jahren fing ich aktiv mit dem segeln an mit dem ablegen der
praktischen prüfung für den br-schein. dies gelang mir wohl in erster linie
nur dadurch,daß ich ca 15 jahre surf-erfahrung miteinbrigen konnte, denn ich
hatte vorher noch nie auf einem “dickbauchschiff” auch nur gestanden, viel
weniger es bei ca. 7+ bf vor der küste cran canarias gesegelt.
was ich in erster linie damit sagen will ist, das ich glaube mit den
elementen “meer”, “wasser” und “wind” schon einigermaßen vertraut gewesen zu
sein, und ich ganz sicher auch den größten respekt vor diesen “3 kameraden”
habe, welche dir im einen moment die besten freunde sein können und im
nächsten die ärgsten feinde, vor allem dann, wenn man leichtsinnig, ohne
genügend wissen und erfahrung mit ihnen umzugehen versucht. - so stieß ich
auf ihr buch, denn ich bin der meinung, sich mit einer möglichen gefahr im
vorfeld befasst zu haben kann die situation im entscheidenden moment
erheblich entschärfen.
bei dem thema “mann über bord” schreiben sie nun auf seite 91, letzter
absatz, bei der es um die bergung des verunglückten aus dem wasser geht:
“…..es führt kein weg daran vorbei sich hilfen zu bedienen, mit denen der
verunglückte……….aus dem wasser hochgehievt und an bord genommen wird.”
bei der weiteren erläuterung auf seite 92 gehen sie darauf ein mit welchen
hilfsmitteln der verunglückte an bord geholt werden kann:
“………voraussetzung für den einsatz des großfalls oder des genuafalls
ist, daß beide fallen so lang sind, das sie am besten bis zur brust des
verunglückten unten im wasser reichen. dann kann jederzeit im notfall
eingeschäkelt ………. werden…….”.
dies las ich einmal, zweimal und spielte das ganze im geiste durch, bis zu
dem moment, als ich mich ohnmächtig im wasser liegend sah und meine
freundin,alleine, an deck einer “nur” ca 10m langen yacht.
hier mußte ich zögern, denn selbst wenn groß- oder genuafall bis zu meiner
brust reichen würden, wie sollte meine freundin dann am lifebelt oder der
weste jederzeit einschäkeln können?
nach diesen erklärungen möchte ich ihnen nun einfach den text übermitteln,
mit dem ich meine idee beim patentamt in münchen angemeldet habe, und sie
herzlichst bitten mir ihre meinung dazu zu sagen, eventuell falls sie damit
einverstanden sind sogar mündlich, da ich in der aktuellen ausgabe der yacht
las, daß sie an den wochenenden der boot 2000 in düsseldorf sein sollen -
ich würde mich auf jeden fall über eine antwort riesig freuen.
im vorfeld auf jeden fall schon einmal vielen dank + alles gute für ihre
weitere zukunft.
ihr rainer hoffmann
TEXT:
Es handelt sich um eine Bergehilfe mit der die Verbindung zwischen einer
Person auf dem Boot und einem Überbordgegangenen Verunglücktem leicht
wiederhergestellt werden kann.
Beschreibung: Ein schwimmender Tampen, welcher auf der einen Seite zu einem
ca 40cm großem Auge (=Schlinge) gebunden ist, ummantelt von einem runden,
farbigem, schwimmenden und leicht zusammendrückbarem Kunststoff, welcher bei
nachlassendem Druck, wieder seine runde Form annimmt, und so den Tampen
automatisch in ein auf dem Wasser schwimmendes Auge von ca 40 cm Durchmesser
verwandelt.(D.h. eine Leine wird mit einem Material ummantelt, welches
sicherstellt, daß nach dem Kontakt mit Wasser sich eine offenbleibende
Schlinge bildet) An der ca 60 cm losen Part wird ein Karabiner befestigt,
wellcher in die Rettungsöse des Lifebelts oder der Rettungsweste mit
integriertem Lifebelt eingehakt wird. Verstaut wir das große ummantelte Auge
unter der Schutzhülle der Weste. Wenn diese bei Wasserkontakt auslöst, und
sich aufbläst, wird die Schutzhülle automatisch geöffnet und der Tampen
entfalltet sich, wie oben beschrieben, zu einem Auge, welches vom Boot aus
leicht mit einem Bootsmannshaken gefaßt werden kann, um so eine feste
Verbindung zwischen der zu rettenden Person und dem Boot herzustellen. Dies
ist besonders im Falle einer Ohnmacht des Verunglückten eine mögliche
lebensrettende Vereinfachung, insbesondere wenn nur mit kleiner Crew (z.B.
einem Paar) gesegelt wird.
Sehr geehrter Herr Hoffmann,
seit ich in der Segelszene bin, wird die von Ihnen angeschnittene Frage heftig diskutiert. Kaum ein Segler ist nie mit dem schrecklichen Unglück konfrontiert worden, wo eine verzweifelte Frau Ihren über Bord gegangenen Mann längseits genommen hat, weil sie ihn nicht an Bord hieven hat können. Ich bin Zeuge unzähliger Erfindungen geworden, die gerade diese Notsituation - kleine Mannschaft, ein Mann im Wasser - lösen sollte. Jahrelang habe ich im Sicherheits-Aktionszentrum auf der Hanseboot in Hamburg Tag für Tag solche Geräte - auf der Bühne, mit gemütlichem Pool davor, demonstriert.
Und obwohl wir, die Mannschaft auf der Bühne, diese Patentlösungen (Bergelift, Fall, Großschot-Talje) einsatzbereit in den Händen hatten, war es unter diesen Idealbedingungen schon schwer genug, einen (Mann/Frau aus dem Publikum) über die Reling rüberzuhieven oder zu winschen. Nach all diesen Erfahrungen und gottlob ohne eigenen Erlebnisse dieser Art draußen auf dem Wasser, bin ich überzeugt, dass es hierfür keine “ideale” Patentlösung gibt. Ja, ich stehe diesen Erfindungen sogar etwas skeptisch gegenüber.
Warum? Wenn Sie sich auf einem gut und reichlich ausgerüsteten Schiff auf der Ostsee einmal umschauen, dann können Sie dort unter Umständen eine ganze Reihe von solchen Patentlösungen sehen. Am auffälligsten ist die Rolle am Heck (unter gelbem Schutz), mit der man einen Mann im Wasser mit auslaufender Leine umkreist, bis die rettende Leinenverbindung hergestellt ist. Dann sehen wir eine Rettungsboje am Achterstag, die eine Unglücksstelle kennzeichnen soll. Am GPS haben wir eine MOB-(Man overboard)-Taste und - klar doch - das Groß- oder Fockfall reicht bis zur Wasseroberfläche. Die Großschot-Talje ist zum blitzschnellen aushängen mit einem Patentschäkel versehen und dazu gibt es noch den obligatorischen Rettungsring oder -Kragen an der Reling. Die Überausgerüsteten haben dann noch in jeder Rettungsweste ein Handfunke, um eine Radioverbindung zum Unglücksraben im wasser herzustellen. Und all dieser Aufwand wird getrieben, um jemand aus dem Wasser zu fischen, weil dieser über die Reling gekippt ist.
Und welcher Aufwand wird getrieben, um eben dieses Unglück zu vermeiden? Welche Mannschaft trägt immer einen Sicherheitsgurt? Wo gibt es an Bord solcher Yachten eine Möglichkeit, vom Cockpit bis zum Vorschiff mit der Life-Leine zu kommen, ohne sich zwischenzeitlich auszupicken? Und auf welchen Yachten wird immer(!) einen Bullenstander gefahren? Ist es nicht so, dass der Großbaum in den meisten Fällen den Mann über Bord gewischt hat. Ist dieser nicht der wirkliche Witwenmacher, wie die Angelsachsen richtig große Spieren schimpfen? Ich will damit sagen, dass man einen ungleich viel größeren Aufwand treiben müsste, nicht über Bord zu gehen, als ein solches Unglück notdürftig zu reparieren.
Die Praxis sieht ganz anders aus. Gelegentlich halte ich die Anschaffung solcher MOB-Retter für einen Selbstbetrug. Man kauft sich so ein Patent, hängt es an die Reling und kann sich an die Brust klopfen: Ich hab alles für die Sicherheit getan!
Trotzdem - ich halte Ihre Idee für gut. Sie ist leicht in eine Rettungsweste zu integrieren. Ein ideales Rettungsmittel haben wir ja dann, wenn es wirkungsvoll, leicht zur Hand und nicht zu teuer ist. Ich rate Ihnen, sich hierfür an die Firma Kadematic zu wenden. Diese führende Rettungswesten-Herstellerin macht sich seit mehreren Jahrzehnten Gedanken um die aktive Sicherheit und hat auch schon eine Reihe von Patenten gerade bei dieser Problematik realisiert.
Ihre Erfindung erfüllt ihren Zweck in ganz bestimmten Situationen: Sie werden diese Erfindung aber wohl nie in Anspruch nehmen müssen. Denn Sie machen sich schon jetzt Gedanken um die Sicherheit Ihrer Freundin. Deshalb werden sich an Bord Ihrer Yacht alle immer anleinen, nachts niemand alleine aus dem Cockpit gehen und vor allem wird der Großbaum aber auch nicht eine Sekunde und auch nicht hart am Wind ohne den “Bullen”, also unkontrolliert, gefahren!
Mast- und Schotbruch
Bobby Schenk
