**Frage von Martin Haindl, wie man sich auf langen Törns fit hält?

guten tag herr schenk,
ich hatte die frage vor einiger zeit schonmal gestellt, aber keine antwort in der langen liste ihrer antworten gefunden.
also: wie halten sie sich fit, wenn sie so lange unterwegs sind - bzw, wie machen das andere lang-fahrten-segler ?
vermutlich ist das im sturm nicht unbedingt ein problem, aber das ist ja nicht die regel und auch da können ja durch die langen einseitigen haltungen (stundenlanges rudergehen, z.b.) echte probleme auftreten. aber wenn ich mir vorstelle, 2 wochen in der flaute zu liegen und das auf den paar qm-bootsdeck - ich glaube da stellt sich schon die frage, wie halte ich meinen körper in bewegung - die allerwenigsten werden einen fitness-raum dabei haben (hab ich schon gesehen, aber erst jenseits der 20m bootslänge).
was hat sich bewährt - gymnastik, yoga, irgendwelche anderen trainigsarten - oder ist das überflüssig ?
ich als küstensegler bin jedenfalls auch immer mal ganz froh, nach einem langen segeltag an land zu kommen und mich bewegen zu können - aber das ist beim fahrtensegler ja nicht so regelmäßig möglich.
mfg martin haindl**


da machen Sie sich viel zu viel Gedanken, wahrscheinlich, weil Sie einen längeren Hochseetörn noch nicht gesegelt sind und so ganz falsche Vorstellungen von den körperlichen Belastungen während der wochenlangen Törndauer haben.

Zunächst zur Klarstellung: Wir sprechen hier von einem Langtörn auf einem Fahrtenschiff, denn dass das Problem auf einer Regattayacht nicht entsteht, auf der die Crew notwendigerweise wegen jedes Zehntels Knoten zur Segelbedienung, also zur Arbeit an der Winsch, aufgescheucht wird, dürften Probleme, wie von Ihnen erwartet, von vorneherein gar nicht aufkommen.

Aber auch auf einem gemütlichen Fahrtenschiff braucht man sich um seine körperliche Fitness jedenfalls nicht mehr Gedanken machen als zu Hause im Stadtleben. Ich hab nur ein einziges Mal erlebt, dass jemand bewußt an seiner körperlichen Fitness auf einem Ozeantörn arbeiten musste, und das war Carla, die nach einer wenige Wochen zurückliegenden Hüftoperation auf dem Deck täglich Übungen absolvierte - siehe Foto.

Anders als Sie vermuten, liegt eine Fahrtenyacht auf der Hochsee extrem selten so ruhig, dass der Körper physisch nicht beansprucht wird. Ganz im Gegenteil: Bei fast allen Wetterlagen werden Muskeln viel stärker beansprucht als zu Hause im Lehnstuhl oder auch beim Spazierengehen. Denn eine Mono-Yacht segelt naturgemäß selten aufrecht, wohingegen der Körper sich selbstverständlich senkrecht bewegen möchte. Das auf einer schrägen Ebene, nämlich dem Schiffsboden, auszugleichen, beansprucht eine ganze Reihe von Muskeln, die abwechselnd, je nach der fast immer vorhandenen Rollbewegung der Yacht eingesetzt und damit beansprucht werden. Das gilt übrigens bei einem Katamaran ebenso, wenn auch die Schiffsbewegungen in der Regel etwas ruhiger ausfallen.

Wenn dann am Schiff beziehungsweise an den Segeln gearbeitet werden muss, wird man gar nicht so selten bis an seine körperlichen Leistungsgrenzen gehen müssen. Auch wenn dies auf den modernen Yachten mit den diversen Rollsegeln bei weitem nicht so extrem vorkommt wie früher, als man die Vorsegel noch per Hand an den Stagreitern bedienen mußte.

Selbst wenn man - scheinbar ruhig - vor dem Ruderrad beim Kurshalten sitzt (bei einer guten Windsteueranlage fast nie!), wird der Körper, der ja immer die Schiffsbewegungen ausgleicht, erheblich belastet, und das 24 Stunden lang und keineswegs einseitig. Wir haben nur ein einziges Mal erlebt, dass auf dem Schiff absolute Bewegungsruhe eingekehre, als wir auf einer Atlantiküberquerung in ein so extremes Flautenloch gerieten, dass sich geschlagene acht Tage lang sich die sonst stetig präsente Dünung nicht einmal mehr ansatzweise bemerkbar machte. Freilich, das war zu einer Zeit, als es als unseemännisch galt, auf einer Segelyacht die “Hilfsmaschine” einzusetzen.

Nach unserem längsten Non-Stop-Törn von Mar del Plata (Argentinien) bis ins Mittelmeer in 72 Tagen, das sind endlose zweieinhalb Monate) waren Karla und ich jedenfalls körperlich so gut durchtrainiert wie niemals im bürgerlichem Leben zuvor und danach.

mfg Bobby Schenk