Fragen von Paul D. und Olga T.

Sehr geehrter Herr Schenk,
Seit längerem lese ich und meine Freundin schon fast täglich die verschiedenen Berichte und Tipps auf Ihrer Webseite und möchte mich hiermit erst einmal für diese Fülle an Informationen bedanken. Trotz der vielen von Ihnen beantworteten Fragen und hilfreichen Tipps und Anregungen anderer Weltumsegler, haben wir noch ein paar ungeklärte Fragen und hoffen, dass Sie Zeit finden diese zu beantworten.
Wir planen in den nächsten Jahren das nötige Budget anzusparen und uns eine Yacht zu kaufen. Bei der Suche sind wir des Öfteren auf Yachten aus den USA gestoßen, die teilweise die Hälfte einer in Europa erhältlichen vergleichbaren Jacht kosten. Da wir momentan beide Studenten sind und geringe Einkünfte haben, müssen wir schon auf den Preis achten. Nun stellten wir uns die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre eine Yacht in den USA zu kaufen und diese dann selber über den Atlantik nach Deutschland zu überführen. Da wir sowieso eine Weltumseglung geplant haben, kann dies ja schon als “Vorgeschmack” dienen.
Uns ist klar, dass auf uns noch weitere Kosten zukommen werden wie Zoll und Steuern. Wobei wir auch in Segelforen gelesen haben, dass die Zollgebühren nur ab einer bestimmten Länge anfallen? Oder müssen doch für alle Yachten Zollgebühren entrichtet werden? Ebenfalls haben wir gelesen, dass die Reisekosten versteuert werden?
Außerdem wurde in manchen Foren geraten in den Azoren die Steuer zu zahlen, da dort nur 16% anfallen. Muss man nicht in Deutschland dann die restlichen 3% nachzahlen?
Dann haben wir auch noch von der CE Zertifizierung gelesen. Es wird geschrieben, dass man ohne diese Zertifizierung lieber nicht in die EU einfahren sollte. Da stellen wir uns die Frage, wie und wo wir nach dem Kauf in den USA diese Zertifizierung machen lassen(und ob das überhaupt geht)? Oder kann man diese nachträglich in DE machen? Ist es überhaupt möglich in den USA die Yacht für DE anzumelden? Oder muss man das vor Ort(also in DE) tun? Und wie sieht es mit der Anmeldung der Funkanlagen aus? Wenn das von Amerika aus nicht geht, kann ich einfach rüber segeln und dies nachträglich tun?
Sie haben des Öfteren in Ihren Beiträgen erwähnt, dass man für die Weltumseglung keine Scheine braucht. Wie sieht es aber rechtlich aus? Wenn auf offener See etwas passiert und dabei andere Schiffe/Menschen beschädigt/verletzt (oder schlimmeres) werden, und wir nicht nachweisen können, dass wir “fähig” sind zu segeln, sondern nur praktische Erfahrung haben? Welche Scheine bräuchten wir ohne so etwas zu befürchten? Wir beide haben den SBF-Binnen und den SBF-See und das SRC-Funkzeugnis. Reicht das aus oder bräuchten wir noch den SKS, SSS?
Sie haben geschrieben, was die Vor- und Nachteile einer Einrumpf-Yacht und eines Katamarans sind. Wir interessieren uns sehr für Trimarane, denn die Möglichkeit diese mit seinem eigenem Auto überall hin mitnehmen zu können, hat uns sehr beeindruckt. Vorausgesetzt die Seitenrümpfe sind einklappbar (wie z.B. Corsair-Trimarane). Was halten Sie von solch einem Trimaran? Und wie lang sollte dieser sein, um damit die Welt umsegeln zu können? Wir haben gelesen, dass schon viele mit dem Corsair F-27 den Atlantik überquert haben. Meinen Sie, dass man damit auch die Welt umsegeln kann(hohe Kentergefahr?)?
Man muss bedenken, dass diese Trimarane keine Diesel Motoren haben, sondern nur einen Außenborder. Wird man dadurch Probleme mit der Elektrischen Energie haben, denn man kann mit dem Außenborder die Batterien sicher nicht aufladen oder? Andererseits sind Trimarane schneller unterwegs als Einrumpf-Yachten. Sie haben dazu zwar schon was geschrieben aber bietet sich in diesem Fall nicht an, einen Wind- oder Schleppgenerator als alternative Energiequelle zu verwenden, zusätzlich zu der Solaranlage?
Wir hoffe, dass Wir Sie mit unseren Fragen nicht erschlagen haben und dass Sie uns weiterhelfen können. Über Ihre Antwort würden wir uns sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Paul D. und Olga T.


Sehr geehrte Paul D. und Olga T.,

das ist eine Fülle von Fragen und ich gehe davon aus, dass Sie an meiner Meinung interessiert sind. Auch wenn sie nicht in Ihr Konzept passt.

Fahrtensegeln, Blauwassersegeln erst recht, ist unter anderem deshalb so faszinierend, weil es absolute Regeln kaum gibt, was auch die Freiheit dieser Lebensweise ausmacht. Weil nahezu Alles, insbesondere die Wahl eines Bootes oder die gesamte Lebensweise immer eine gemeinsame Schnittmenge sein wird und dieser Kompromiß dazu auch noch äußerst persönlich eingefärbt ist. Jedoch gibt es auch hier Grenzen, die nach objektiven Maßstäben nicht überschritten werden sollten, es sei denn, man läßt Vernunft und zum Teil bitter erworbene Erfahrungswerte völlig ausser Acht. Dies muß nicht, aber kann zum Schiffsbruch führen. Auch im übertragenden Sinne.

Wenn ich Ihre Fragen auf wenige Worte reduziere, dann stellen Sie sich Folgendes vor: Sie wollen um die Welt, aber auch im Gebiet der EU segeln, dazu die unbedingt notwendigen Scheine erwerben, eine möglichst preiswerte Yacht in den USA, am besten einen klappbaren Trimaran, kaufen, der auch trailerbar ist, damit sie ihn mit dem Auto transportieren können.

Mit Verlaub und ohne Umschweife: Das geht nicht.

Es mag sein, dass gebrauchte Yachten in Amerika erheblich preiswerter als in den Europa sind. Aber gesetzmäßig so eine Yacht in die EU zu verbringen, ist für einen Privatmann nahezu unmöglich. Es ist nicht nur das Problem der Mehrwertsteuer - das ließe sich mit Geld lösen - nein, es ist dieses für eine Weltumsegelung objektiv völlig wertlose CE-Zeichen samt Zertifizierung, das Ihnen unüberwindliche Hindernisse bereiten würde. Bitte lesen Sie hierzu den Bericht des Profiseglers Egmont Friedl, der dies durchgezogen hat - siehe hier!

Wenn man es großzügig sieht, benötigen Sie keine Scheine. Eine kleine Yacht ist nicht ausrüstunmgspflichtig und somit müssen Sie keinen Seefunk oder Marine-UKW an Bord haben. Ich verrate hier kein Geheimnis, dass nahezu alle nicht-deutschen Yachtsleute VHF in irgendeiner Form (“Kanal 16”) an Bord, aber kein Funksprechzeugnis haben. Deutsche Segelscheine sind nur für deutsche Hoheitsgewässer vorgeschrieben - das hängt ab von der Motorisierung und vom Revier. Aber in Ihrem Fall würde ich so einen Schein schon angehen, vor allem deshalb, damit Sie einen besseren Einblick in die Materie und in die Szene bekommen.

Das wäre für Ihre Pläne sicher kein Nachteil. Der Besitz eines Scheines hilft Ihnen im Falle einer Beschädigung Dritter allerdings wenig. Man wird Ihnen “Fahrlässigkeit” vorwerfen wollen. “Fahrlässigkeit” setzt voraus, dass Sie, so die juristische Formulierung und hier spricht der Jurist, die für Sie erforderliche und Ihnen mögliche Sorgfalt ausser Acht gelassen haben. Das heißt: Je “besser” oder höherwertiger Ihre Scheine, also Ihre Befähigung, umso höher ist die Ihnen mögliche Sorgfalt. Um so leichter wird man Ihnen im Schadensfalle einen Vorwurf machen können. Klingt paradox, ist aber so!

Der Punkt, an dem ich Ihnen überhaupt nicht folgen kann, ist der trailerbare, klappbare Trimaran. Um Himmels willen, was wollen Sie denn! Wollen Sie um die Welt segeln, für was brauchen Sie dann noch ein Auto zum Trailern? Wollen Sie einen Trimaran, um möglichst schnell zu sein? Ja, es gibt eine Reihe von Mehrrumpfbooten - auch Trimarane - die schöne Weltumseglungen gemacht haben. Ausgangspunkt war aber in den meisten Fällen die Tatsache, dass man diese Boote ganz billig aus Sperrholz zusammenschrauben und -kleben konnte (Piver-Trimarane) oder dass ein solcher ohnehin da war.

Wenn ich Ihnen abschließend einen Rat gebe: Obwohl eine Weltumsegelung im Normalfall sicher nicht so gefährlich ist, wie sich das viele Laien vorstellen, sollte an oberster Stelle die Sicherheit einer Yacht stehen. Damit fallen kleine Mehrrumpfschiffe, weil kenterbar, schon durch. Sparen Sie auf ein möglichst preiswertes und sicheres (Second-Hand-) Kielboot. Da Sie offensichtlich jung, damit sportlich sind, kann es durchaus klein sein, sieben Meter aufwärts oder so. Dann fangen Sie mal an, zu segeln! Alles andere, was an Wissen und Kenntnisse für eine Weltumsegelung notwendig ist, wird Ihnen zufliegen!

Mit freundlichen Grüßen

Bobby Schenk