Frage von Paul Gaspar

Lieber Bobby Schenk,

mit Vergnügen habe ich Ihr ausgezeichnetes Anker-Büchlein verschlungen - unter anderem hat es mich inspiriert, auf meinem Schiff eine Pallklinke nachzurüsten. Das Kapitel “Zweit-Anker” hat bei mir jedoch Fragen offen gelassen:

Sie beschreiben, wie mühselig es ist, den mobilen Anker - vor allem bei schlechtem Wetter - auszubringen: rudernd, nass und fluchend. Warum nicht den ganzen Vorgang quasi auf den Kopf stellen?

Das sähe so aus: Man lege nicht nur den Anker ins Beiboot, sondern auch gleich die gesamte Trosse - ohne Verbindung zum Schiff. Dann fahre man bequem per Außenborder zur geeigneten Stelle, werfe dort den Anker, lasse sich vom Wind achteraus treiben (dabei Trosse nachgebend, den Motor aus oder im Leerlauf), und wenn man auf Höhe des Schiffes angelangt ist, fahre man unter Motor die kurze Strecke querab bis zur Yacht.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Statt per Muskelkraft kann man den Anker per Außenborder ausbringen, dort ungehindert eine geeignete Stelle suchen, und schließlich ohne Kraftaufwand die Trosse ausbringen. Selbst ein kurzer Kettenvorlauf wäre machbar, das zusätzliche Gewicht sollte ein Beiboot tragen können.

Der Nachteil wäre natürlich, erst einmal die sperrige und schwere Trosse ins Beiboot zu bekommen. Das bringt mich aber zur zweiten Frage: Warum nicht die Trosse für den mobilen Anker in handliche Stücke teilen? Zum Beispiel jeweils 25 Meter. Je nach Anker-Tiefe muss man dann nur entsprechend viel Trosse ausbringen, der Rest bleibt in der Backskiste. Die einzelnen Stücke lassen sich bequem aufklaren und tragen. Es wäre dann auch kein Problem, 100 oder 150 Meter Trosse mitzuführen. Die Verbindung zwischen den einzelnen Stücken könnte über eingespleißte Augen und Schäkel erfolgen - somit ebenso haltbar wie die Verbindung zwischen Anker und Trosse. Auf diesem Wege wäre es auch ein leichtes, die Kette des Hauptankers um einige dieser Trossenstücke zu verlängern, falls man mal in sehr tiefem Wasser Anker muss.

Ist das alles Unfug, oder könnte das funktionieren?

Vielen Dank für Ihre Antwort und ganz herzliche Grüße

Paul Gaspar


25.8.2013

Lieber Paul Gaspar,

das freut mich, dass Sie dem Rat meines Buches Ankern gefolgt sind und eine Pallklinke installiert haben. Es ist schon merkwürdig, dass dieser vergleichsweise preiswerte Ausrüstungsgegenstand heute kaum mehr auf einer Fahrtenyacht sich findet. Dabei sind deren Vorteile überzeugend, vor allem, wenn die Ankerwinde stromlos wird oder sonst ihren Geist aufgibt. Oder, wenn gar keine Ankerwinde vorhanden ist. Eine Pallklinke gehört auf jede Fahrtenyacht, gleich welcher Größe!

Ihr Vorschlag, die ganze Trosse mit dem Zweitanker auszufahren, ist zwar zunächst einleuchtend, aber bei näherem Besehen nicht sehr praktisch. Unabhängig, wo Sie ankern, ist es wichtig, möglichst manövrierfähig zu bleiben. Somit sollte der Anker schnell ausgebracht, aber auch beim hastigen Ankeraufgehen zügig wieder eingeholt werden können. Dies gilt besonders dann, wenn man die sichere Art des Ankerns mit Zweitanker benutzt. Je nach Platz am Ankerplatz sollte die gesamte Trossenlänge beim Zweitanker nach Möglichkeit ausgereizt werden. Je länger die Trosse, desto günstiger für die Haltekraft des Zweitankers ist der Zugwinkel auf den Anker. Wenn also genug Platz ist, kann man 70 Meter Trosse ausbringen, auch wenn die Wassertiefe weniger als 10 Meter beträgt. Rudere ich also mit Beiboot und dem Anker darin gegen Luv (wenn man genug Übung hat, geht dies auch per Aussenborder), während ein Crewmitglied auf dem Vorschiff die gesamte Trosse nachgibt, kann ich den Anker dann über Bord geben, wenn ich möglichst weit vom Schiff entfernt bin.

Würde ich Ihren Vorsachlag übernehmen, also Trosse und Anker im Beiboot mitzunehmen und mich dann zum Schiff zurücktreiben zu lassen, würde ich kaum die Strecke vom Anker zum Bug so genau schätzen können, dass bei Erreichen des Bugs nicht noch Trosse “übrig bleibt” oder - noch schlechter - die Trosse 20 Meter vor dem Bug zu Ende ist. Im letzteren Falle heißt das: Anker einholen und Manöver von vorne beginnen.

In jedem Fall ist es wichtig, dass man bei Ankermanöver so flexibel bleibt wie möglich, dass also Einfachheit vorherrschen sollte. Dagegen spräche, mit einem Kettenvorläufer zu arbeiten. Wie soll die Kette ins Beiboot? In einem Kübel? Sie sehen, dann wirds noch komplizierter. Das Foto links zeigt einen Anker auf einem 15-Meer-Schiff fertig zum Ausbringen mit einer Ankerboje. Schon ziemlich kompliziert zu handhaben, oder? Wenn jetzt noch ein Kettenvorläufer als kleiner “Haufen” dazukäme, würde es vollends unübersichtlich. Dies gilt auch dann, wenn mit verschiedenen Trossenlängen gearbeitet würde. Was nicht unbedingt notwendig ist, ist überflüssig.

Dass Ihr Ankergeschirr unter allen Umständen auf einem sicheren Ankerplatz hält, nehme ich bei Ihrer Sorgfalt an!

Herzlich

Bobby Schenk