Frage von H.Wirtz
Sehr geehrter Herr Schenk, meine Frage richtet sich an Ihre Vergangenheit als Einrumpfsegler. Im Sommer werde ich erneut einen längeren Balearentörn unternehmen und dort wie auch die letzten Male fast ausschließlich vor Anker übernachten. Erfahrungen mit dem Ankerliegen an sich, auch unter schlechten Bedingungen habe ich schon jede Menge gesammelt. Meist positive, bei plötzlichen Wind- und Schwelldrehern auch die ein oder andere nervenaufreibende, wenn des Nachts der Ankerplatz verlassen werden musste um auf offener See abzuwettern.
Nun gehören solche Erlebnisse bei den doch oft überhaupt nicht (abgesehen von den thermischen Winden morgens und abends) vorhanden Winden eher zu den seltenen. Was mich jedoch Nacht für Nacht um den Schlaf bringt, ist das bei nicht vorhandenem Wind seitliche wegschwojen ( ich nenne es mal so) quer zum Schwell, was ein unglaubliches Aufschaukeln unserer kleinen aber eigentlich ja sehr stäbigen Contest 33 mit sich bringt. Ich überlege nun eine dieser Konstruktionen mit mehreren Kreisrunden Platten untereinander auf einem Seil befestigt mit einem Gewicht am unteren Ende selbst her zu stellen und diese direkt seitlich am rumpf ins Wasser zu lassen. Da ich leider nur einen großen Spi-baum und einen kleinen Baum zum ausbaumen der Fock an Bord habe, deren ungleiches Längenverhältnis eine weiter nach aussen verlegte Befestigung und somit bessere Angriffswinkel nicht ermöglicht, bleibt mir vorerst nur die o.g. Variante.
Nun meine Frage ob sie selbst, oder vielleicht einige Ihrer Bekanntschaften bereits Erfahrungen mit einem solchen System gemacht haben und ob sie es überhaupt für sinnvoll erachten.
Mit freundlichen Grüßen
H. Wirtz
Hallo Herr Wirtz,
nein, ich hoffe nicht, dass ich nur eine Vergangenheit als Einrumpfsegler habe. Denn nach wie vor stehe ich Monohulls genauso wenig kritisch gegenüber wie den Mehrrumpfschiffen. In einem aber haben Sie mit Ihrer Frage recht: Mit einem Mehrrumpfboot ist dieses Problem des quälenden Aufschaukelns am Ankerplatz bei Dünung nicht so präsent.
Es ist nicht so, dass noch niemand vor Ihnen sich Gedanken gemacht hat, wie man eine (Einrumpf-)Yacht in der Dünung beruhigen kann. Schon vor 50 Jahren findet sich in dem (nicht mehr erhältlichen) Buch von Eric Hiscock “Segeln über sieben Meere” ein Vorschlag, wie die Schiffsbewegungen gedämpft oder zumindest auf ein erträgliches Maß reduziert werden können. Indem nämlich an einem Ausleger ein Widerstand benutzt wird, der unter Wasser soviel Widerstand bietet, dass die Rollbewegung der Yacht abgebremst wird. Aber durchgesetzt hat sich das nicht, wie ich auf sicher hunderten Ankerplätzen feststellen konnte. Ja, ich persönlich habe noch ne eine Yacht beobachten können, die eine solche Patentlösung praktiziert hat.


Etwas anderes ist es bei Motoryachten vom Trawler-Typ. Die benutzen ein ähnliches System wie Trawler-Arbeitsboote im hohen Norden, speziell in Alaska. Allerdings ist das System in erster Linie dafür gedacht, in Fahrt die Rollbewegungen zu reduzieren. Aber, wie man erkennen kann, benutzt die Weltumsegelyacht KOSMOS den Ausleger auch am Ankerplatz - in der rolligen Bucht auf den Marquesas-Inseln - siehe Fotos!
Allerdings, und da unterscheidet sich deren System von Ihren Plänen, diese Trawler tragen an einem sehr langen Ausleger den Wasserwiderstand, haben also einen wirkungsvollen Hebelarm. Und da setzt auch meine Kritik an “Ihrem” System ein. Wenn Sie keinen Ausleger benutzen, wird Ihre Vorrichtung ziemlich wirkungslos sein und Sie sollten sich überlegen, ob es den Aufwand lohnt. Zumal Sie vor Anker dann ziemlich “manövrierunfähig” sind. Wenn ein Ankerplatz mal so rollig ist, ist dieser naturgemäß nicht sehr geschützt; es besteht also Gefahr, dass Sie bei Winddrehungen den Ankerplatz schleunigst verlassen müssen. Also Anker auf und dann noch die Gewichte an den Leinen auf den Seiten bergen! Die viel einfachere Methode, die Rollbewegungen zu bekämpfen ist, einen Verwarpanker auszubringen und die Yacht gegen die Dünungsrichtung zu legen. Es besteht aber auch die Möglichkeit, einen Verwarpanker mit dem Beiboot so auszufahren, dass er auf einer Bordseite angreift. Auch damit können Sie die Rollbewegungen zumindest teilweise dämpfen. Aber komlett ausschließen, werden Sie die Rollbewegungen nicht können!
Mit freundlichen Grüßen
Bobby Schenk
