Frage von Thomas Haffnern

Sehr geehrter Herr Schenk,
…ich möchte einen lange gehegten Traum verwirklichen und von meiner Münchner Wohnung (die ich verkauft habe) auf eine Segelyacht umziehen, auf der ich zumindest einige Jahre leben möchte. Ob es eine Weltumsegelung wird, weiß ich noch nicht, möchte sehen, wohin es mich verschlägt und nicht zu viel vorausplanen, will mir aber möglichst alle Optionen offen halten.

Im Zuge der Vorbereitung habe ich bereits oft auf Ihrer Internetseite gestöbert und habe dort viele gute Anregungen und Hinweise gefunden. Dennoch sind einige Fragen weiterhin offen …, daher erlaube ich mir, bei Ihnen als ausgewiesenem und geschätztem Fachmann Folgendes nachzufragen:

  1. Ich habe mir eine Bavaria 33 in den Kopf gesetzt. Gegenüber Gebrauchtyachten bin ich einfach zu skeptisch und zu unkundig, um mir den Erwerb einer solchen zuzutrauen, deshalb ein neues Boot in der für mich (gerade noch) erschwinglichen Preisklasse. Ein Vorteil liegt darin, dass der Händler (mit großer Ausstellungshalle) für mich wohnortnah am Chiemsee liegt, so dass bei mittlerweile mehreren Besuchen ein fachlich und menschlich tragfähiger Kontakt entstanden ist, in dem mein Vorhaben und damit zusammenhängende Detailfragen jederzeit zeitnah persönlich besprechbar und klärbar sind. Die Bavaria scheint mir ein Boot zu sein, das vielleicht seglerisch ein wenig behäbig daherkommt, aber in jedem Fall ausreichend Wohnraum für eine oder zwei Personen bietet und mir insgesamt einfach gut gefällt. Dennoch wäre mir eine Einschätzung von Ihnen, ob Sie dieses Boot grundsätzlich für langfahrtentauglich halten, sehr willkommen und würde mir Sicherheit beim Kauf geben.

  2. Im Artikel „Saildrive oder Wellenanlage …“ haben sie die vielen und erschreckenden Nachteile eines Saildrives beschrieben. Nun wird aber die Bavaria offenbar ausschließlich mit Saildrive gefertigt. Wäre das ein Grund, die Finger davon zu lassen? Am meisten Sorge macht mir die offenbar empfindliche Gummiabdichtung am Rumpf und die damit verbundene Wartung. Was, wenn man in entfernten Gefilden das Boot einmal 2 oder 3 Jahre nicht aus dem Wasser kriegt (abgesehen von den damit verbundenen Kosten)?

  3. Navigation:
    Geplant sind derzeit
    · Windselbststeueranlage von windpilot
    · 2 Hand-GPS, 1 GPS-Maus
    · Funkgerät
    · Radar
    · Laptop oder Tablet-PC
    · Log und Lot

Radar und Windselbststeueranlage scheint mir als Einhandsegler unverzichtbar, ebenso ein Funkgerät, GPS sowiso. Der Sinn eines Kartenplotters erschließt sich mir noch nicht, wenn man doch die elektronischen Karten ebenso auf den Laptop laden kann.

Was würden Sie aktuell als Grundausstattung empfehlen?

  1. Energiegewinnung:
    Ich möchte energiemäßig autark sein und hoffe, das ist über Solarpanels zu machen, so wie Sie es in Ihren Artikeln auf der Website beschreiben. Andererseits klingt es an anderer Stelle so, als wären Sie davon wieder abgekommen („Maschine 1 Stunde täglich laufen lassen zum Batterie Aufladen“). Über eine aktuelle Einschätzung würde ich mich freuen.

Dies, sehr geehrter Herr Schenk, sind bei weitem nicht alle, aber doch die aktuell vorrangigen Fragen im Vorfeld meiner Langfahrt bzw. Weltumsegelung.

Es würde mich sehr freuen und mir definitiv weiterhelfen, von Ihrer fachkundigen Seite eine Einschätzung dazu zu erhalten.

Herzlichen Dank und freundliche Grüße aus München!

Thomas Haffner\


Hallo Herr Haffner,

lange Frage, kurze Antworten:

  1. Wenn Sie sich eine neue Yacht leisten können, umso besser! Grundsätzlich bewerte ich einen speziellen Bootstyp hier nicht. Aber allgemein bin ich zu der Meinung gekommen, dass die Serienwerften in den letzten Jahren viel gelernt haben und auf Grund der Erfahrung aus hohen Stückzahlen bessere Boote herstellen können als manche hochpreisige namhafte Werft. Zumal das verwendete Zubehör meist bei allen Werften das Gleiche ist. Die Nähe zum Händler ist ein zusätzliches positives Argument für Ihre Wahl. Und Segeleigenschaften? Alle heutigen Serienyachten segeln mehr oder weniger gut, zu deren Gunsten würde ich nicht die geringsten Kompromisse eingehen.

Unverändert halte ich jedoch daran fest, dass nicht die Yacht, sondern der Skipper die Reise macht. Schauen Sie sich doch mal die Weltumseglerboote aus der Mitte des letzten Jahrhunderts an! Sie würden doch die Nase rümpfen, so “krachert” waren die. Und trotzdem habe sie hervorragende Leistungen vollbracht, mit denen man auch heute noch bei Preisverteilungen Ruhm einheimsen würde. Gute Seemannschaft eben - das ist es, was zählt!

  1. Stimmt, ich bin kein Freund vom Saildrive auf Grund meiner Erfahrungen bei Defekten fernab von Slipmöglichkeiten und Handwerkern. Aber Sie werden kaum noch Serienyachten finden, wo die Werft auf den preiswert einzubauenden Saildrive verzichtet. Also müssen Sie sich damit abfinden.

  2. AIS - passiv oder besser aktiv - würde ich noch dazu nehmen. Auf einer Langfahrt hätte ich keinen Plotter. Wozu auch? Das Notebook kann es mindestens genau so gut und die entsprechende Software wird es immer geben.

  3. Ich bin ein Freund von Solarpaneelen auf Yachten, weil die Natur damit umweltschonend Energie verschenkt. Aber die Stromausbeute ist bei weitem nicht so effektiv wie Leute meinen, die nicht rechnen können oder Werbeaussagen eins zu eins nachplappern. Rechnen Sie doch mal nach: Wie viel Solarpaneelen benötigen Sie, um bei hochstehender

Sonne den ganzen Tag über 40 Ampere (Tagesbedarf Ihres “supersparsamen” Kühlschranks) zu produzieren, wobei Sie die halben Werbeversprechen unterstellen sollten? Und wenn der Himmel bedeckt ist oder die Paneelen auch nur minimal durch Segel, Schoten, o.ä. abgeschattet sind, multiplizieren sie die Solar-Fläche mit vier oder fünf! Warum glauben Sie, dass Yachten mit surrendem Windgenerator und verstellbaren Solarpaneelen trotzdem die Batterien mit der Maschine laden?

Freundliche Grüße aus München

Bobby Schenk

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