Frage von Wolfgang Schau
Lieber Bobby Schenk,
Ich habe 20 Jahre eine 38 Antigua von Wauquiez gesegelt und seit einem Jahr sind wir stolzer Besitzer eines Lipari 41 Katamarans und wir segeln an der US Ostküste auf und ab.
Im November hat mich ein Sturm mit 24 28 kn erwischt und ich bin mit Wind aus 120 Grad, gemäß Handbuch mit Reff III und Genau 30% eine Höllenritt gesegelt. Die Wellen haben mich mit atemberaubender Geschwindigkeit hinabsausen lassen. Am Abend hat meine Log eine Maximalgeschwindigkeit von 20,2 kn angezeigt.
Meine Frage: Wenn ich mit hoher Geschwindigkeit die Welle hinabsurfte hatte ich Angst das der Bug einstechen könnte und ich über den Bug kentern könnte. Ist die Befürchtung berechtigt? Andere Segler sagen Kats soll man einfach laufen lassen, das Bremsen durch Schleppleinen wie bei Mono Hulls sei nicht notwendig. Stimmt das?
Der Lee-seitige Bug ist schon manchmal fast bis zum Deck eingetaucht, ich habe aber keine allzu große Bremswirkung verspürt da der Bug meines Kats relativ schlank ist. Ist meine Befürchtung übertrieben und hätte ich den Geschwindigkeitsrausch eher genießen sollen, als Panik zu schieben?
Später habe ich die Genua fast völlig weggerollt (weniger als 1/5) und immer noch ca. 12-14 kn FdW gemacht.
Herzliche Gruesse
Wolfgang Schau
23.4.2012
Lieber Wolfgang Schau,
da muß ich Sie enttäuschen: Sie schreiben, dass Sie “ein Sturm mit 24 – 28 kn erwischt” hat. Nach der immer noch international angewendeten Beaufort- Skala hat bei der von Ihnen angegebenen Windgeschwindigkeit lediglich ein “starker Wind” geweht und die Wetterverhältnisse waren noch ein paar Stufen von einem “Sturm” entfernt. Nach dem “starker Wind” kommt nämlich “steifer Wind”, dann “stürmischer Wind! und dann erst “Sturm” mit Windgeschwindigkeiten von 41 bis 47 Knoten. Die von Ihnen angegebenen Windvwerhältnisse entsprachen also lediglich ungefähr der Hälfte eines echten Sturms.
Nichtsdestotrotz möchte ich Ihre Schilderung nicht verharmlosen, da Sie ja immerhin von einer Schiffsgeschwindigkeit von über 20 Knoten sprechen. Ich kann mir schon vorstellen, dass es hart hergegangen ist, und Sie “Panik” geschoben haben - Ihre Worte. Im Gegensatz zu einem Einrumpfschiff ist es bei einem Katamaran schwierig, allgemeine Empfehlungen bezüglich einer Sturmtaktik abzugeben. Ein, jeder Katamaran kann kentern, was auf hoher See einem Totalverlust gleichkommt, während ein Einrumpfboot zwar auch “durchkentern” kann, sich aber wieder aufrichten wird. Wobei freilich das Rigg dran glauben muß, nicht aber Menschenleben, so lange niemand bei dem Unglück über Bord geht.

Die Kentergefahr nimmt nicht nur mit der Windgeschwindigkeit und Steilheit der See zu, sondern auch mit der Bootsgeschwqindigkeit. Viele Katamaranunglücke sind ja nicht durch ein seitliches Kentern verursacht worden, sondern durch ein Unterschneiden der Bugrümpfe mit nachfolgendem Überschlag nach vorne. Es leuchtet ein, dass hier eine überhöhte Bootsgeschwindigkeit diese Gefahr noch überhöht. Es gilt also in erster Linie, die Bootsgeschwindigkeit zu reduzieren. Ihre Maßnahme, die Genua wegzurollen, war also in jedem Falle richtig. Der Ratschlag, mit hoher Geschwindigkeit vor dem Wind abzulaufen gefällt mir nicht, denn erstens erhöht sich die Gefahr des Unterschneidens und zweitens wird auch der aufmerksamste Rudergänger nach ein paar Stunden ein gelegentliches Aus-dem-Ruder laufen, nicht vermeiden können. Und dann bietet sich die gesamte Breitseite der Yacht der nachrollenden See (besser gessagt “Gischt”) als Angriffsfläche an. Also gilt es, die Geschwindigkeit so weit zu reduzieren, dass der Katamaran nocht gut aufs Ruder regaiert. Die einfachste Lösung ist es hier, die Segel ganz wegzunehmen und vor dem Wind abzulaufen. Das sollte Ihr Katamaran auch bei 40 Knoten Wind von achtern noch abkönnen. Bei einem vollen Sturm - oder darüber - sollten Sie sich aber doch Gedanken machen, wie sie die Schiffsgeschwindigkeit, sagen wir mal “nahe an 20 Knoten Dauergeschwindigkeit” (nicht in den Spitzen beim Hinabsurfen einer See!) reduzieren können.
Mit Vorsicht zu genießen sind die Handbücher, die zu den betreffenden Yachten mitgeliefert werden. Es handelt sich dabei oft um den in vielen Fällen untauglichen Versuch, natürliche Wind- und Seegangsverhältnisse in ein bestimmtes Schema zu pressen. Was nicht möglich ist, denn die Natur hat viele Unwägbarkeiten (Stärke und Richtung der See, Strom) auf Lager. Freilich, die Anweisungen in den Handbüchern sind eher auf der sicheren Seite, denn die Werft will sich bei einem etwaigen Unglück nicht nachsagen lassen, sie habe gefährliche Rezepte zur Segelführung empfohlen. Aber in der Praxis sind die Handbücher genauso gut wie die Gebrauchsanweisung zu meinem kleinen japanischen Auto: “Fahren Sie nicht zu schnell, Sie könnten einen Unfall verursachen!”
Persönlich, ohne Ihre Mentalität zu kennen, möchte ich Ihnen den Ratschlag geben, sich auf Ihr Gefühl zu verlassen. Wenn Sie auf Ihrem Ritt panikartige Gefühle verpürt haben, dann sollten Sie daraus Konsequenzen durch weiteres Segelkürzen ziehen. Was Sie ja auch getan haben. Schließlich soll Segeln ja nicht ängstigen, sondern Spaß machen.
Herzliche Grüße
Bobby Schenk
