Frage von Christian Bauer - Hafenmanöver auf Großsegler

Sehr geehrter Herr Schenk,

mein Interesse am Segeln ist in den letzten Jahren immer stärker angewachsen. Während meines Studiums habe ich die amtlichen Sportbootführerscheine für See und Binnen (Motor/Segel) abgelegt. Bislang beschränken sich meine Erlebnisse leider noch auf das Jollensegeln im Binnenland. Zweimal jedoch habe ich sehr interessante mehrtägige Ausflüge auf einem Plattbodenschiff im Ijsselmeer und der Nordseeküste gemacht. Seit dem bin ich sehr an der Geschichte und dem Leben auf alten Segelschiffen interessiert. Es plagen mich dabei so viele Fragen, die ich mir selbst über das Internet nicht beantworten kann. Die bedeutenste Frage gilt den Hafenmanövern vergangener Zeiten. Wie kann ich mir das Treiben in den Häfen zu Zeiten der Segler und Großsegler vorstellen? Ich habe alte Bilder vom Hamburger Hafen entdeckt, in denen Großsegler (Pamir,Passat) an Dalben festgemacht wurden und deren Ladung mittels Schuten gelöscht wurde. Die Segler stehen da dicht an dicht, so dass ich mir ein Anlegen unter Segel kaum vorstellen kann. Wurden die Großsegler dieser Zeit ausschließlich mit Dampfschleppern im Hafen bewegt? Bis wohin sind sie denn dann frei gesegelt? Vor 1820 gab es ja gar keine Dampfschlepper, aber dennoch recht große Segelschiffe. Wie kamen die in die Häfen? Es gab ja auch später noch kleinere Ewer, gerade im Binnenraum. Die wurden doch sicherlich nicht alle mit Schlepperhilfe an den Pier gebracht. Die Plattbodenschiffe im Ijsselmeer hatten ursprünglich ja auch keine Motoren. Unser Kapitän hätte seine Hafen- und Schleusenmanöver ohne Motor so nicht fahren können. Wie ging das früher?
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir ein paar Hinweise geben könnten. Buchempfehlungen wären dabei auch sehr hilfreich.
Allgemein würde mich das Leben und die Technik auf solch alten Schiffen interessieren. Gerade die alten Großsegler haben es mir angetan.

Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,
Christian Bauer

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Sehr geehrter Herr Bauer,

dass die großen Segler früherer Zeiten keine echten Hafenmanöver fuhren, versteht sich von selbst. Äußerstenfalls gingen sie vor Anker und verholten sich - mit Muskelkraft - mit Leinenhilfe und Spills zur Pier, wobei sie durchaus gelegentlich das Schiff auch längseits bugsierten, wobei sie die Schubkraft des (leichten) Windes zu Hilfe nahmen.

Der normale Lade- und Entladevorgang wurde jedoch meist vor Anker getätigt. Mit Leichtern, der damaligen Zeit angepaßt also Ruderboote. Dass das, verglichen mit dem heutigen Einsatz von superstarken Schleppern ziemlich ineffektiv war, versteht sich von selbst. Echte Hafenmanöver - ohne Zuhilfenahme des Ankergeschirrs - waren bei den größeren Rahseglern kaum möglich. Wenn man sich das Riesenschiff, 109 Meter lang, Khersones (rechts) betrachtet, leuchtet das ein. Zu dessen Betrieb auf hoher See unter Segel sind 60 Kadetten und 30 Mann. Obwohl ich verblüfft war, als ich anläßlich des Ecker-Cups Zeuge werden durfte, wie das Vollschiff nur mit Muskelkraft manövriert werden konnte - nur eben auf hoher See und nicht im Hafen. Im Hafen von Zadar und auch am Zielort Orhanje/Türkei war dann Schluß mit Manövern der eigenen Mannschaft. Deren Aufgabe übernahmen mehrere tausend Pferdestärken, in Form von zwei Schleppern, die aber auch nötig waren, um das Schiff zu drehen und zu bugsieren - siehe unten.

Sie sehen, viel echte Seemannschaft war nötig, um damals, ohne Verbrennungsmaschinen, mit großen Rahseglern fertig zu werden. Wenn Sie mehr über Manöver mit echten segelschiffen wissen wollen, sollten Sie sicg mal der Lektüre der Lebensgeschichte des späteren Admirals Horatio Hornblower zu Gemüte führen - acht Bände. Aber es lohnt sich, denn Hornblower ist zwar ein fiktiver Romanheld, aber die seemännischen Details in den Zeiten der reinen Segelschiffe sind absolut stimmig.

Mit freundlichen Grüßen

Bobby Schenk