Frage von Dr. Björn Steiner

Hallo Herr Schenk,
mit Interesse lese ich seit sehr langer Zeit Ihre Einlassungen über
diverse Langfahrtsegler und die Herausforderungen rund um das Volk der
Weltumsegler. Allerdings entdecke ich bei Ihren Beiträgen zunehmend
die Tendenz dem allgemeinen "Immer-Höher-Immer-Weiter-Immer-Teurer"
Trend zu folgen, der sich auf dieser Welt, wie früher die Pest,
ausbreitet. Ich stelle einmal nicht die wünschenswerte Segnungen
moderner, aber leider oftmals arg Marketing verseuchter, Yachttechnik
in Frage, aber mir bleibt bei allen Vorteilen die Diskussion der
wirklich notwendigen (!) Dinge auf der Strecke.

Sehe ich mir nur einmal als Beispiel Ihren Beitrag über Segeln um die
Welt in der Flotille an(n001/circecker.html),
dann reden Sie von Summen, die überwiegend dadurch gerechtfertigt sind,
dass mit einem übermässigen Standard an Luxus anBord als
Selbstverständlichkeit gerechnet wird.

Halten Sie einen solche Standard für normal und sind der Meinung, dass
ein solcher wirklich notwendig ist? Was halten Sie von Schiffseignern,
die auch heute noch mit 8 bis 9 Meter Schiffen und einem deutlich
geringeren Lebenstandard unterwegs sind - weil sie Segeln als
Lebensinhalt sehen?

Mit freundlichen Grüßen und interessierter Gespanntheit auf eine
Erwiderung
B. S.

Hallo Herr Dr. Steiner,

ja, ich halte einen solchen Standard für normal! Und viele zigtausend andere Segler auch. Gehen Sie doch mal über eine große Bootsausstellung und checken Sie das Angebot! Die dortigen Aussteller bringen Ihre Exponate, vielfach Hochseeyachten weit über “8 oder 9 Meter Länge”, ja nicht aus Spaß mit enormen Kosten auf die Ausstellung, sondern weil sie auf Grund der Marktsituation davon ausgehen, dass sie sie auch an den Mann bringen. Es gibt also zigtausende Interessenten für Fahrtenyachten über “8 oder 9 Meter Länge”.

Was mich generell an der Fahrtensegelei immer schon begeistert hat, ist die Toleranz untereinander. So freu ich mich für jemand, der sich eine 20-Meter-Yacht - im Gegensatz zu mir - leisten kann, obwohl ich, für mich persönlich, eine solche Anschaffung nicht in Betracht ziehen würde, selbst wenn ich die Millionen hierfür hätte. Ich freu mich auch für Leute, die sich hundert Meter Yacht mit zehnköpfiger Crew leisten können und ihren Spaß dabei haben. Warum nicht, wenn es nicht auf Kosten anderer geht?

Ich beneide aber auch den über 70-jährigen (geschätzt!) schwedischen Sportsfreund auf den Fotos, der mit einer Yacht um die Welt unterwegs ist, weil er offensichtlich sportlich genug ist, sich mit einem solchen Winzling über die Ozeane traut. Das müsste doch auch für Sie was sein - die “Yacht” steht für weniger als 15000 Dollar - nicht Euro - zum Verkauf.

Was ich damit sagen will: Man sollte jedem Einzelnen die Freiheit zubilligen, eigene Maßstäbe festzusetzen. Und das persönliche Maß wird sich auch nach der Zeit richten. Ein Beispiel: Wir schreiben das Jahr 2008 und so hat praktisch jede Fahrtenyacht einen Einbaumotor. Aber ist der unbedingt nötig? Ja, heute schon, da werden Sie mir vielleicht zustimmen! Noch vor ein paar Jahrzehnten, Mitte des letzten Jahrhunderts galt: Eine Segelyacht braucht keinen Motor und wennschon ausnahmsweise, dann einen Flautenschieber. Aus dem “Flautenschieber” ist heute ein vollwertiger Antrieb geworden, der der Segelyacht die gleiche Geschwindigkeit unter Maschine verleiht.

Ein wenig drängt sich bei Ihrem Schreiben mir der Verdacht auf, dass Sie die Problematik durch die Eurobrille zu betrachten. Und das halte ich für unpassend. Achten Sie doch mal auf den Autoverkehr: Dort finden Sie Autos in der Neuwagen-Preisklasse von 15 Tausend Euro, aber auch von 100 Tausend Euro. Letztlich leisten beide Autos dasselbe und auch hier könnte man die (sinnlose) Frage nach der Notwendigkeit stellen. Einen Schritt weiter: Offensichtlich ziehen Sie die Grenze (der Notwendigkeit) bei den Acht- oder Neun-Meter-Yachten. Als ich mit dem Segeln begonnen hab, waren solche Schiffe weit außer meiner finanziellen Reichweite und wenn mir Jolleneigner gegenüber jemand solche Yachten als “notwendige Größe” bezeichnet hätte - ja, den hätte ich mit meinem damaligen jugendlichen Selbstverständnis als größenwahnsinnig eingeschätzt.

Es kommt halt immer auf den Standpunkt an. Man hüte sich auch generell davor, beim Fahrtensegeln Attribute wie “notwendig” oder “übermäßiger Luxus” zu verteilen. Ich betrachte zum Beispiel auf Langfahrt durch die Tropen einen (funktionierenden) Kühlschrank als “absolut notwendig”, schließlich gibt es selbst in unserer kalten Gegend keinen Haushalt ohne Kühlschrank. Andere lassen einen Langtörn am Fehlen eines solchen Ausrüstungsgegenstandes nicht scheitern. Die bewundere ich wegen ihrer Fähigkeit zur Askese, aber tauschen möcht ich mit ihnen nicht. Wenn andere eine Waschmaschine (die ich als überflüssig einschätze) als unabdingbar einordnen, haben sie recht. Für sich!

Selbst bei der Navigation und bei den Fragen der Sicherheit lässt sich vortrefflich diskutieren, was nun “notwendig” ist. Der eine wird die Rettungsinsel hierbei als Argument bringen, der andere wird auf sein Beiboot verweisen. Beide haben recht - für sich! Ist ein GPS notwendig? Ich sage ja, obwohl ich Jahrzehnte über die Weltmeere ohne GPS geschippert bin. Aber, es gibt sie noch, wenn Weltumsegler

lieber ihrem Sextanten vertrauen, ist das auch für sie in Ordnung! Ein Radargerät halte ich für notwendig, andere verzichten darauf, weil dessen Antenne die schöne Silhouette ihrer Yacht verschandelt. Die großartigen Weltumsegler Ernst-Jürgen und Elga Koch hielten ein Speedometer für überflüssig, weil sie die Fahrt an den Geräuschen abschätzen konnten. Also ist ein Geschwindigkeitsmesser nicht notwendig? Und so weiter!

Oder würden Sie mit dem umgebauten Rettungsboot (obiges Foto) gerne auf Langfahrt gehen? Sicher nicht jedermanns Geschmack. Aber die Sportsleute haben sich sicher gesagt: “Bevor wir gar nicht losfahren, nehmen wir lieber ein Schiff, das wir uns leisten können”. Auch in Ordnung!

Gerade weil Sie auf das Segeln als Lebensinhalt verweisen, möchte ich Ihnen in Abwandlung des Wortes vom “Leben und leben lassen” erwidern:

Segeln und segeln lassen!

Bobby Schenk