Frage von Barbara Timmermann
Liebe Frau und lieber Herr Schenk,
Aufgewachsen mit Ihren Langfahrten Beschreibungen der 80er Jahre und auch Ihr neues Buch immer als Bibel in der Tasche habe ich dennoch eine kleine Frage zur Seemanschaft. Vielleicht haben Sie kurz Zeit, um Sie mir zu beantworten. Ich wüsste nicht wer sonst auf diesem Planeten so erfahren ist in Praxis und Theorie.
Soeben habe ich den RYA Costal Skipper Practical Course (F3 Bereich) absolviert. Unterwegs hatte ich jedoch eine Diskussion mit dem Instructor.
Folgende Situation: Einlaufen mit einem 38 Katamaran in die Estuary von Fowey (Süd Cornwall), NW 5/6 aus der Estuary herauswehend. Bereits 2. Reff. Auslaufende Tide. Alle Visitor Bojen belegt, also sehr viel los in dem Hafen. Zwei weitere Helfende Hände an Bord. Ich war mit der Passage Planung und Einlaufen in den Hafen beauftragt worden.
Unmittelbar vor der Einfahrt, wo auch das Wasser ruhiger war, ca 200 m vor der Mooring, wollte ich die Segel bergen um mit Motor einzufahren. Ich kannte den Hafen nicht, die Sicht war durch das Segel sehr stark eingeschränkt. Mein Instructor meinte jedoch, NEIN, es gehöre zur guten Seemannschaft, das Hauptsegel oben zu lassen, um im Falle eines Motorausfalles manövrieren zu können.
Man gebe das Hauptsegel bei der ersten Möglichkeit rauf und der letzen, kurz vorm Anlegen runter.
Ich konnte nirgends in der Segelliteratur eine Antwort darauf finden.
Vielleicht können Sie mir eine Antwort darauf geben. Es würde mich sehr freuen.
Liebe Grüße aus dem sonnigen Wien
Barbara Timmermann
Liebe Frau Timmermann,

nachdem ich davon ausgehe, dass Ihre Prüfung im Jahre 2005 und nicht im Jahre 1905 stattgefunden hat, fällt es mir schwer, mich nicht über Ihren Instructor lustig zu machen. Mit Ihrem gesunden Menschenverstand haben Sie erkannt, dass da was nicht richtig ist mit dem Verlangen, mit stehenden Segeln in den Hafen einzufahren.
Ich könnte den noch verstehen, wenn er von Ihnen verlangt hätte, unter Segel in den Hafen einzulaufen bei Annahme eines Maschinenschadens. Damit Sie demonstrieren können, dass Sie auch mit schwierigen Situationen auf Grund Ihrer seglerischen Fähigkeiten fertig werden. Aber so?

Zunächst ist es ein Irrtum, zu glauben, mit einem Segelschiff könne man unter allen Umständen zielsicher manövrieren und praktisch jedes Manöver fahren. Auch wenn wir stolze Segler es nicht so gerne hören, ist, jedenfalls unter Normalbedingungen, ein Motorboot viel manövrierfähiger als ein Segelschiff. Mit Maschine kann ich jeden Kurs zum Wind fahren, speziell im glatten Hafenwasser, was eben bekannterweise unter Segeln nicht möglich ist. Mit Maschine kann ich das Schiff per Rückwärtsgang auf Kommando abstoppen, was unter Segeln eigentlich nur per langem, unberechenbaren Aufschießer gelingt. Und der berühmte Ratschlag, aus einer Segelyacht durch Backhalten des Großbaums die Fahrt aus dem Schiff zu nehmen, funktionierte höchstens dann, wenn bei sehr viel Wind der Großbaum überhaupt per Muskelkraft back gedrückt werden könnte - bei Yachten über 10 Meter Länge also ausgeschlossen. Vor vielen Jahren sollte ein Buchautor diese seine Ansicht übrigens vor einem Redakteursteam auf der Ostsee demonstrieren. Genüßlich vermerkte die YACHT, dass das Segelschiff mit backgehaltenem Groß nicht aufhörte zu treiben. Was das bedeutet, wenn 6 Tonnen Segelschiff in Richtung Steg auf die dort friedlich liegenden Kajütkreuzer zutreibt, kann sich jeder ausmalen.

Das einzige, was Maschinenmanöver empfindlich stört - immer unter der Annahme, dass normale Hafen-Windverhältnisse (unter 20 Knoten) herrschen - sind stehende Segel. Wobei die Fock noch nicht mal das größte Übel ist. Die Fock hat nämlich den Vorteil, dass sie auf allen Kursen zum Wind innerhalb von Sekunden weg-gerollt oder -genommen werden kann. Viel übler ist das “Hauptsegel”, also das Großsegel. Das kann in den meisten Fällen nur in einem eng begrenzten Bereich, nämlich “fast im Wind” oder “im Wind” weggenommen werden. Schlimmer noch: Fährt man dann mit Maschine, aber mit stehendem Groß einen Kurs vor dem Wind, kann auch bei wenig Wind das stehende Groß das Kommando über die Maschine nehmen, mit der Folge, dass beispielsweise der eingelegt Rückwärtsgang seine Bremswirkung durch den Vortrieb des Segels verliert. Abgesehen davon, dass man sich dann noch zusätzlich zum Anlegestress mit einem drohenden Großbaum herumschlagen muss.

Hinzu kommt, dass in vielen Häfen der Wind durch Gebäude oder andere Hindernisse unberechenbar abgelenkt werden kann, sodass unter Umständen die beim Einlaufen beobachtete Windrichtung sich plötzlich ändert. Mit der Folge, dass man den Wind ganz unerwartet von der “anderen” Seite bekommt, was nun mit dem beabsichtigten Maschinenmanöver nicht mehr in Einklang zu bringen ist.
Nein, die Segel müssen vor dem Einlaufen in den Hafen runter, am besten so, dass sie im Notfall schnell wieder ausgerollt oder hochgezogen werden können. Es wäre also sicher nicht richtig, gleich mal das Groß mit der Segelpersenning abzudecken. Erst recht gilt das in dem geschilderten Fall, wo eine Yacht sich beim Anlegen unter Umständen noch mit Strom rumzuschlagen hat.

Vielen Seglern ergeht es übrigens wie mir, wenn sie eine Yacht unter Segel in den Hafen einlaufen sehen. Da werden dann schon mal zusätzliche Fender aus der Backskiste rausgeholt, um sie im Notfall vor die unter Segel manövrierbehinderte Yacht halten zu können. In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, dass in einigen französischen Häfen das Einlaufen unter Segel verboten ist. Aus sehr gutem Grund!
Wer nun darauf hinweist, dass früher, also so vor 60 und mehr Jahren das Einfahren unter Segel in einen Hafen üblich war, liegt ein wenig daneben. Sicher wurden in diesen Tagen normalerweise Segelyachten unter Segel angelegt. Aber, man vergesse nicht: Die Häfen waren bei weitem nicht so dicht besetzt wie heute, hatten also viel mehr Auslaufmöglichkeiten für verunglückte Manöver. Die Yachten waren im Durchschnitt viel kleiner als unsere heutigen Yachten, hatten viel mehr Besatzung und die Crews beherrschten ihre Manöver aus dem Effef, weil sie es ja jeden Tag übten.

Und die größeren Segelschiffe? Sie beherrschten andere Manöver als wir heute. Dazu zählt zum Beispiel das Abbremsen mittels eine Ankers, was ja nun auf Yachten nicht gerade täglich praktiziert wird. Und wenn der Alte sich nicht sicher war, dass er ohne größere Schrammen seinen Kahn anlegen konnte, wurde vor Anker gegangen und anschließend in Ruhe mit dem Beiboot - damals “Gig” - und der Kraft der Riemen verholt. Ein Manöver, an das wir uns erinnern sollten, wenn tatsächlich mal die Maschine draußen ihren Geist aufgibt. Und mit defekter Maschine laufen wir doch alle erst gar nicht aus, oder?
Mast- und Schotbruch! Bobby Schenk
