Besucher fragen, Bobby Schenk antwortet

Hallo Wolfgang,

dass die Webseite ein “Großer Gewinn” für Dich ist, freut mich. Das liegt aber in erster Linie am regen Interesse der sachkundigen Besucher meiner Seite - und das seit 20 Jahren.

Deine Meinung, Du würdest das mit der “Sollbruchstelle” irgendwo bei mir gelesen haben, ist vielleicht richtig. Das dürfte in meinem Buch FAHRTENSEGELN gewesen sein. Aber - Ehre, wem Ehre gebührt - diese kleine Erfindung stammt von einem ganz Großen im Blauwassersegeln, nämlich von Wolfgang Hausner, der dieses von ihm gefundene Patent auf seinem damaligen Katamaran TABOO in den siebziger Jahren eingebracht hatte. Es sollte in erster Linie die Kentergefahr, die ja bei einem Katamaran immanent ist, vermeiden. Und nicht nur, wie Du schreibst, zu einer Entlastung eines Riggs.

Damit ist Wolfgang Hausner mit seinem nur 10-Meter-Langen Kat erfolgreich als erster Segler allein auf einem Mehrrumpfboot um die Welt gesegelt. Was er in seinem Buch TABOO wunderschön und sehr spannend (nebenbei: das Buch hatte den für Frauen provozierenden und treffenden Untertitel “eines Mannes Freiheit”).

Wolfgang, der nunmehr seit vier Jahrzehnten auf seinem jetzigen selbst gebauten 17 Meter langen Katamaran lebt (und damit weltweit wohl der erfahrenste Fahrtensegler ist) schildert die Funktionsweise des so preiswert mit ein paar Dollar hergestellten Patentes so:

“Ein spezielles Problem ergibt sich für den Einhandsegler bei einem Katamaran. Da beim Einfallen einer starken Bö das Rigg ungleich mehr belastet wird als bei einem Einrumpfboot, das ja sofort krängt, kann es leichter zu Havarien oder (etwa bei einem leichten Renn-Kat) zur Kenterung kommen. Vor dem Wind ist es weniger kritisch, weil der Kat beschleunigt, und so der Winddruck, der sich jetzt relativ vermindert, besser abgefangen wird. Am Wind müßten aber in einem solchen Fall die Segel sofort verkleinert werden oder es muß durch Fieren der Großschot der Druck aus dem Segel genommen werden. Keines von beiden geschieht, wenn der einzige Mann an Bord schläft und TABOO vor Selbststeuerung läuft. Um automatisch den Effekt des Auffierens der Großschot zu erreichen, hole ich erst den Großbaum mit der Großschot dicht, belege diese, hänge dann die Sicherungsleine am Baumende ein und belege sie auf einer separaten Klampe im Cockpit. Die Großschot wird dann wieder losgemacht. Der Großbaum hängt jetzt nur an der Sicherungsleine. Diese hat auswechselbare »Sicherungen« aus mehrfach geschorener Fischleine zwischen zwei »Sister Clips«. Die weiteren zwei »Sister Clips« sind an der Sicherungsleine angespleißt. Wenn jetzt die Sicherung reißt, geht der Zug sofort auf die Großschot, die zuerst zur vollen Länge durch die beiden dreifachen Blöcke laufen muß, ehe sie ganz aufgefiert ist. Die Festigkeit der Sollbruchstellen variiere ich entsprechend der Besegelung. Unter Groß und Fock verwende ich meist eine mit ca. 600 kg Bruchstärke, die dann bei einer Bö über 25 Knoten den Geist aufgibt. Sobald ich gereift habe, erhöhe ich die Belastbarkeit der Sollbruchstelle. Um meine große Genua aus leichtem Terylene zu schonen, wähle ich eine Sicherung, die schon bei geringerer Windgeschwindigkeit reißt. Nur habe ich dann auch eine Genuaschotsicherung in Verwendung, die von der Großbaumsicherung abhängig ist: Eine Leine ist am Groß baum festgemacht und hat ein kleines Holzbrettchen am anderen Ende. Das Brettchen liegt unter der Genuaschot und zwar direkt hinter der Curry-Klemme. Wenn jetzt die Großbaumsicherung reißt, die Großschot automatisch auffiert und der Baum nach vorne fährt, kippt das Holzbrettchen unter Zug gleichzeitig die Genuaschot aus der Curry-Klemme. Die Länge des Auffierens läßt sich bei der Genuaschot ebenso wie bei der Großschot beliebig variieren und vorher bestimmen.”

Wolfgang weist aber heute darauf hin, dass er diese Einrichtung für seinen kleinen 10-Meter-Kat benutzt hat und auf seinem jetzigen 17 Meter langen Katamaran nicht mehr. Er meint offensichtlich, und hat wahrscheinlich recht, dass sein jetziger Kat erheblich größer und damit weniger kentergefährdet ist. Ich hatte ja zehn Jahre lang einen 46-Fuß-Katamaran und war niemals in einer Situation, wo man mit einer Kenterung rechnen müsste. Andererseits zeigen die wenigen tatsächlich geschehenen Kenterungen von Katamaranen, dass die Gefahr offensichtlich leicht verkannt wird. Deshalb spricht sicher nichts dagegen, sich so eine Sicherung wie von Wolfgang Hausner praktiziert einzubauen, zumal sich das mit ganz wenig Bastelgeschick, wenig Geld und mit ein wenig Justierungsgeduld bewerkstelligen ließe.

Ja, ich möchte einen Schritt weitergehen: Es würde sicher auch nichts schaden, etwas Derartiges auch auf einem Einrumpfschiff zu installieren. Die normale Reaktion eines menschlichen Rudergängers wäre bei einem plötzlichen Einfall einer starken Böe abzufallen. Aber, wie gesagt, auf Langfahrt sitzt ja meist niemand am Ruder und eine Selbststeueranlage wäre mit diesem richtigen Manöver sicher überfordert, die kann ja nicht denken, sondern nur reagieren. Wolfgangs Patent nähme auch bei einem Mono den Stress aus dem Rigg und mindert die Krängung.

Wer es ausprobiert, melde sich bitte hier auf der Webseite!

Allzeit gute Fahrt!

Bobby

Nachwort für Segler und Seglerinnen, die den bemerkenswerten Menschen und Blauwassersegler näher kennenlernen und von seiner ungeheuren Erfahrung im Blauwassersegeln zehren wollen: Wolfgang Hausner (wir alle können von ihm noch etwas lernen), nimmt auf Törns zahlende Gäste mit - siehe www.Wolfgang-Hausner.com).