
Lieber Herr Schenk, ich habe gerade ihren Artikel „Wunder von Brindisi für 50-Euro“ (siehe hier) gelesen. Ihren Schlüssen aus diesem Ereignis stimme ich voll und ganz zu. Wenn ich mich vor über 20 Jahren nicht so verhalten hätte, wäre ich tot gewesen. Ich habe über den damaligen Vorfall bisher nicht berichtet, denke aber, dass er für ihre Leserschaft interessant sein könnte.
Hier mein Bericht: Im Sommer 1990 war ich mit meiner kleinen Yacht SIDDHARTHA, einer Piewiet 820 (8,2m lang, 2,7m breit, 2t schwer) im engl. Kanal unterwegs. Wir waren zu zweit an Bord, beides erfahrene Segler. Am Morgen waren wir in Honfleur ausgelaufen mit Ziel Cherbourg, etwa 80 Meilen. Es war ein kühler Sommertag, Wind S - SW um 4-6, bedeckt aber klare Sicht. Wir machten gute Fahrt, wechselten uns an der Pinne ab und benutzten zeitweise die Selbststeueranlage. Da wir unsere Ankunft erst nach Mitternacht erwarteten, ruhte sich die Freiwache ab und zu unter Deck aus.
Um 21 Uhr standen wir nordöstlich von Barfleur, also der östlichen Spitze der Halbinsel Caretan, auf der Cherbourg liegt. Wegen der starken Strömungen um das Kap hielten wir ca. 15 Meilen Abstand und hatten keine Landsicht. Wir hatten zu dieser Zeit Gegenstrom und erheblichen Wellengang, ich schätze 2-3 Meter mit teils kurzen und chaotischen Wellen- eine ganz normale Situation wie sie in Gezeitengewässern vorkommt. Wir liefen mit vollem Groß und mittlerer Fock, das Boot segelte für seine Verhältnisse flott mit 5,5 bis 6 kn. Ich saß allein an der Pinne, mein Mitsegler Wolfgang schlief unter Deck. Ich hatte die Pinne in der Hand, der Autohelm hatte zu sehr mit dem Wellengang zu kämpfen. Die Situation war in keiner Weise dramatisch, ich fühlte mich wohl und den Bedingungen gut gewachsen. Ich hielt meine Bordregel ein: Auf hoher See immer Sicherheitsgurt tragen, besonders wenn ich allein im Cockpit bin.

Plötzlich und völlig unerwartet hing ich am kurzen Sicherheitsgurt an den Bordwand in Lee im Wasser. Wie das passierte, kann ich nicht ganz genau rekonstruieren. Das Boot krängte in einer Böe wohl stärker und gleichzeitig schlug eine ungewöhnlich hohe Welle gegen die Bordwand und mir in der Rücken. Da ich mich gerade nicht festhielt sondern nur mit einer Hand die Pinne umklammerte, folg ich unvermittelt über die Seereling ins Wasser. Dazu muss noch gesagt werden, dass die kleine Piewiet ein sehr schmales Cockpit hat und daher das Wasser nicht weit entfernt ist.
Nun hing ich im Wasser an der Bordwand, das Boot segelte mit los gelassener Pinne unverdrossen weiter, es war wirklich gut ausgetrimmt. Ich versuchte natürlich sofort, mich aus dem Wasser zu ziehen. Aber meine Füße fanden unter dem Boot keine Halt und mit den Armen allein gelang es mir nicht. Dazu muss gesagt werden, dass ich ca. 183cm groß und 90 kg schwer bin, kein großer Sportler, aber auch nicht ganz unbeweglich. Zu meiner misslichen Lage trug bei, dass ich wegen des kühlen Wetters ziemlich dicke Segelkleidung und Stiefel trug, die natürlich mein Gewicht stark erhöhten. Mein Mitsegler hatte das Überbordgehen gar nicht mitbekommen. Ich weckte ihn mit Klopfen gegen die Bordwand und Schreien und er war auch sofort da. Sogleich packte er den Sicherheitsgurt und versuchte, mich an Bord zu ziehen. Aber auch ihm gelang es nicht. Damit hatten wir beide nicht gerechnet, wir hatten nie vorher einen Versuch gemacht, hielten es aber für kein großes Problem, angeleint wieder an Bord zu kommen. Nun war ich ja nicht in unmittelbarer Lebensgefahr. Durch den kurzen Gurt war mein Kopf über Wasser und wir konnten in Ruhe überlegen, was zu tun sei. Zuerst barg Wolfgang Groß und Fock um Fahrt aus dem Boot zu nehmen. Dann befestigte er eine längere Leine an meinem Gurt und ich hangelt mich - immer gut gesichert - zum Heck. Dort konnte ich dann über Badeleiter wieder an Bord steigen.
Die Zeit im Wasser dauerte ca. 15 Min. Ich erinnere mich noch heute, dass ich zuerst gar nicht glauben konnte, dass ich im Wasser gelandet war und mir nicht selbst helfen konnte. Dann kam mir der Gedanke, dass dies doch eine sehr außergewöhnliche Situation sei und mein Mitsegler das doch fotografieren könne. Das sprach ich aber doch nicht aus. Richtige Angst verspürte ich nicht, aber hohe Anspannung und nach vielen erfolglosen Versuchen mich hochzuziehen leichte Erschöpfung. Anfänglich hatte ich gar nichts von Kälte gemerkt, das Wasser hatte ca. 15 Grad. Als ich die Badeleiter hoch stieg, merkte ich doch dass mir kalt wurde. Unter Deck zog ich mich sofort aus und warme Fließkleidung an. Dabei wurde mir übel und ich musste mich übergeben. Währenddessen setzte mein Mitsegler wieder Segel und wir setzen unseren Kurs fort. Nach etwa zwei Stunden unter Deck konnte ich wieder mitarbeiten. Um 3 Uhr in der Nacht liefen wir in Cherbourg ein und fielen bald darauf in tiefen Schlaf.
Erkenntnis:
Am nächsten Tag zogen wir Bilanz: Ohne Gurt hätte ich nicht überlebt. Auch mit Schwimmweste wäre ich bei dem Seegang sehr schnell außer Sicht der mit 5kn weiter segelnden Yacht gewesen, selbst wenn mein Mitsegler mein Verschwinden nach wenigen Minuten bemerkt hätte. Selbst wenn es dann sofort einen Mayday Ruf abgesetzt hätte und ein Hubschrauber gekommen wäre, hätte man mich in der aufkommenden Dunkelheit kaum gefunden.
Lehre hieraus:
Unsere zweite Erkenntnis: Auch mit Gurt und Sicherheitsleine ist es nicht einfach, wieder an Bord zu kommen. Wir haben diese Erkenntnis sofort umgesetzt und am Ende der Dirk einen großen Karabinerhaken befestigt. Im Notfall kann der vom Baum gelöst und in den Gurt eingehakt werden.Eine im Wasser hängenden Person kann mit der Dirk mithilfe einer Winsch auch von einem schwächeren Crewmitglied zumindest langsam so weit gehoben werden, dass sie wieder an Bord gezogen werden kann. Bei Badewetter haben wir das später auch ausprobiert.
Da ich ab und zu auch einhand segele, habe ich für den Notfall an beiden Bordwänden etwa da, wo man bei angelegtem Gurt landet, eine kurze Strickleiter an der Fußreling befestigt, die sich vom Wasser aus lösen lässt.
Ulrich Thünken
