
Ab Port Dixon wollten wir gemeinsam segeln, schon aus Sicherheitsgründen. Michael und Larry mit seinem schnellen Trimaran starteten mit uns. Zunächst hatte ich mir Gedanken gemacht, ob so unterschiedlich schnelle Schiffe überhaupt so nahe zusammen bleiben können, dass es Sinn macht. Aber tatsächlich war das kein Problem. Denn wir hatten alle eines gemeinsam.: Kaum Wind! So zogen wir die Segel halt von Zeit zu Zeit hoch, um der Maschine mit einem Extraknoten zu helfen. Am späten Abend, bei Einbruch der Dunkelheit trudelten wir dann im Minutenabstand auf der GPS-Position zum Ankern ein, die wir zuvor per Handy oder UKW vereinbart hatten.

Ich hatte ein elektronisches Seekartensystem zum Testen an Bord und war fasziniert, wie genau die Karten für das ja wohl ziemlich exotische Gebiet der Malacca-Straße waren. Da wir viele Meilen weit über Gebiete mit weniger als 6 Meter Wassertiefe motoren mussten. Um gut außerhalb der Schifffahrtswege zu bleiben, konnten wir uns mit Echolot von der Genauigkeit der elektronischen Seekarten überzeugen. Im übrigen hat die Navigation mit GPS plus genauer elektronischer Karte den Vorteil, dass man letztlich viel präzisere und damit direktere Wege nimmt. Im übrigen gibt es hier keine Yacht mehr, die mit Papierkarten navigiert und wenn, dann als Backup halt, weil sie ohnehin von früher her noch an Bord sind.
Um es gleich vorwegzunehmen: Auf den rund 400 Meilen bis Langkavi hatten wir genau für 15 Minuten soviel Abendbrise, dass wir die Maschine ausschalten konnten. So sieht es halt in der Praxis aus. Da macht man sich beim Kauf einer Yacht unendlich viel Gedanken zu den Am-Wind-Eigenschaften oder zu den erreichbaren Geschwindigkeiten unter Segel und freut sich über Wochen hinweg, wenn man mit Hilfe der Fock unter Maschine einen Schnitt von 5 Knoten über den ganzen Tag erreicht.
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](/guide/blauwassersegeln/michael/)Die Fischer hier scheinen Angst oder Furcht nicht zu kennen. Ungeniert fischen sie im Verkehrstrennungsgebiet, legen in den Zwangswegen ihre Netze aus und lassen sich auch durch die Basstöne der Schiffshörner auf den ganz großen Tankern nicht erschrecken. Für uns allerdings waren sie ein ständiges Problem, besser gesagt, deren Netze. Eine tiefere Systematik, wie sie ausgelegt waren, war für uns nicht auszumachen. Manchmal schienen sie zwischen zwei Fahnengekennzeichneten Bojen zu hängen, manchmal gehörten sie zu einem Schiff, das 100 Meter entfernt war und manchmal konnte man drei Bojen ausmachen, und man konnte rätseln, welche zwei nun Anfang und Ende vom Netz waren. Nachts hier durchzufahren, gar noch unter Segel, wäre ein Alptraum.
Von unseren “Ankerplätzen” aus konnten wir die Fischer in der Dunkelheit beobachten. Viele zeigen erst dann ein Licht, wenn sich ihnen ein anderes Fahrzeug näherte. Zahlreiche fahren Blinklichter in Gelb, Rot oder auch in Blau wie bei uns die Funkstreife. Die Blinklichter aus Plastik kann man hier in jedem Hardwarestore für einen Euro kaufen. “Geladen” mit einer normalen Batterie halten sie ein Woche.

Wenn man dergestalt versucht, in wenigen Tagen ein paar hundert Meilen zu “segeln”, dann hat man am Ankerplatz nicht die Zeit, mühsam sein Beiboot aufzubauen, um mal schnell von einer Yacht zur anderen zu rudern. Von einem Nachschleppen des Beibootes ist ohnehin dringend abzuraten. Denn das Wetterproblem sind die häufigen Gewitter am Nachmittag, die oft für eine Stunde aus heiterem Himmel über die Malacca-Straße ziehen, oder die gefürchteten Sumatras - Supergewitter, die sich über dem erhitzten Sumatra zusammenbrauen - die dann derart rabiat heranbrausen, dass man sicher keine Gelegenheit mehr hat, ein Beiboot zu verstauen. Ein Patentlösung hatte Weltumsegler Michael von der NIN** gefunden, der sich genau für diesen Zweck, ein Schlauchboot-Kayak für einige hundert Dollar besorgt hatte. Mit der Batterie-Pumpe ist es in wenigen Minuten startklar und man kann schnell mal an Land oder zum Ankernachbarn rüberrudern. Kein vollwertiges Beiboot, aber als Ersatz in der Backskiste ideal für diesen Zweck!

Obwohl unsere Angst vor Seeräubern mit jedem Tag abnahm, passierten wir doch mit gemischten Gefühlen die “Ein-Faden-Bank” vor dem riesigen Hafen Port Klang. An dieser Stelle, also mitten im Einzugsgebiet für diesen Welthafen, hatte der Überfall stattgefunden. Trotzdem: Heute glaube ich, dass das Risiko, als Yacht überfallen zu werden, nahezu Null ist, wenn man sich auf der malaysischen Seite im flachen Gewässer aufhält und nachts nicht unterwegs ist. Untertags halte ich so einen Überfall schon deshalb für ziemlich ausgeschlossen, denn in Sichtweite sind ja immer einige Fischerboote und die Piraten wollen ja im Trüben fischen. Aber es ist so wie im Straßenverkehr: Wenn man bei Rot über die Kreuzung fährt und es passiert nichts, ist dies noch lang kein Beweis dafür, dass dies völlig ungefährlich ist. So ist es auch mit der Tatsache, dass niemand aus unserer Gruppe überfallen wurde. Und nicht vergessen: Räuber gibt es in München auch.
Apropos Räuber: In Lumut, ebenfalls einer großen Hafenstadt, war ich wieder mal in Versuchung geraten, auf einer großen Werft nachzufragen, ob sie mein Boot rausnehmen könnten. Kein Problem, sagten die drei Herren vom Management in ihren schmucken Uniformen. Ich müsse nur den Gesamtbetrag vorweg, in Cash, einzahlen. “Ja, aber sie haben doch mein Schiff oben auf dem Trockenen?” - “Wir wissen nicht, wie viel das wert ist.” So die merkwürdige Antwort. Glücklicherweise trafen wir dann in einer Kneipe einen langhaarigen Yachtie, der sich hier als Barmann ein paar Rengit verdiente. Er stieß fast einen Schreckensschrei aus, als wir ihm von unserer Absicht erzählten: “Bloß nicht! Die sind pleite. Eine andere Yacht habe für ein Woche aufs Trockene gewollt, und sei nach einem halben Jahr immer noch oben gesessen, weil sie mit immer neuen ungerechtfertigten Rechnungen überhäuft worden sei.

Am anderen Morgen flüchteten wir in Richtung Langkavi. Nach dieser neuen Enttäuschung trösteten wir uns: “Und wenn es in Langkavi nix wird mit dem Slip, dann fahren wir eben weiter nach Phuket.” Und alles wegen einem defekten Saildrive, von dem ich nicht einmal wusste, ob er wieder in Ordnung gebracht werden kann oder ob er nach mehreren Monaten doch schon vergammelt ist.
Wieder - wie üblich hier - kein Wind! Nicht einmal vier oder fünf Knoten, die Larry , ein früherer Air-Force-Pilot, in unserer Nähe gebraucht hätte, um seinen schnellen Tri zum Segeln zu bringen. Aber der Himmel war so makellos blau, dass wir beschlossen, die letzten 100 Seemeilen in einem Stück zu “segeln”, also über Nacht weiter in Richtung Langkavi zu fahren.
Wir hatten uns schon gefreut, von Gewittern verschont zu werden. Da zeigte sich nach Sonnenuntergang auf dem Radar ein kleiner Schauer als weißer Fleck um das Zentrum. Und plötzlich blitzte es. Überall am Horizont. Um uns herum. Was dann folgte, hatten wir noch nie erlebt. Die Nacht, die eigentlich bei Neumond stockfinster hätte sein müssen, wurde zum Tag. Für die nächsten eineinhalb Stunden, solange dauerte das Unwetter, gab es keine einzige Sekunde, in der es dunkel war. Die Blitze waren so grell, dass ich meine Augen zupressen musste. Wer Windmesser stieg als erstes aus, was schlecht war, denn mit dem einen Motor hatte ich nur noch vor dem stürmischen Wind eine Chance, den Kat am Laufen zu halten und ohne Windmesser fiel es schwer, aus dem Cockpit heraus die Windrichtung zu erahnen, zumal der Windex sich ebenfalls schnell verbogen hatte. Vielleicht ginge es mit Segel besser. Also das Vorsegel ausgerollt. Doch der Sturm nahm in wenigen Minuten so zu, dass ich die Fock unter größten Mühen ganz schnell wieder wegrollte. Zu sehen war praktisch nichts mehr, denn es schüttete derart, wie man es sich nicht vorstellen kann. Dazu das unaufhörliche Grollen und Donnern! So mus ungefähr der Weltuntergang sein, dachte ich mir. Dazu das Schreckensbild von Rot neben Grün, nur ein paar Dutzend Meter entfernt. Denn immerhin gab es ausser uns noch jede Menge Schiffsverkehr.
Die Türe zur Kajüte war nicht mehr zu öffnen. Alles war so schnell gegangen, dass ich nicht mal mehr nach dem Ölzeug schreien konnte. Und plötzlich wurde mir klar, dass der heulende Wind sich auf der Haut eiskalt anfühlte. Wie stark? 40 oder 50 Konten oder so, jedenfalls reichlich. Dann erstarb der Wind so schnell wie er gekommen war und wir torkelten über die Restdünung nach Langkavi.

Im Yachtclub trafen wir ein Menge Fahrtensegler. “Es ist so billig hier”, war die häufigste Antwort auf meine Frage, warum sie so lange hier rumhängen. Eine hübsche gemütliche Marina ist der Royal Langkavi Yachtclub - mit Schwimmbad natürlich. Ein bisschen viel Dünung an den Schwimmstegen hatte es für unseren Geschmack wegen der zahlreichen Fähren.
Vor vielen Jahren war Langkavi so etwas ähnliches wie Mallorca - ein Paradies für Touristen. Jetzt liegt das Geschäft darnieder, woran nicht nur die Tsunami schuld ist. Als wir in Sebana die Nachricht von der Tsunami erhielten, war sie gekoppelt mit der Meldung “Rebak-Marina auf Langkavi existiert nicht mehr”. Was stimmte. Allerdings hatte man uns erzählt, dass der dortige Travelift mit einer Breite von 8 Meter überlebt hatte. So fuhren wir mit Taxi und Fähre auf die Rebakinsel - und tatsächlich, im Hafenbecken war von der einstigen blühenden Marina mit 100 Liegeplätzen nichts mehr zu sehen. Nur am Ufer standen noch ein paar Dutzend Yachten rum - on the hard. “Rundum zu, ist dieser kleine Hafen einer der sichersten Plätze, an denen ich bisher gewesen bin”, hätte ich behauptet, wenn die Tsunami nicht das Gegenteil bewiesen hätte.

Ein schöner Ausflug wars, die 10 Meilen vom Langkavi Yacht Club zur Rebak-“Marina”. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, welch wunderschöne Fahrtenreviere die Malacca-Straße hinter ihrem verheerenden Ruf verbirgt. Eine bergige Landschaft mit sattem Grün umrandet die friedlich wirkenden Gewässer mit ihren tausenden von Ankermöglichkeiten. Was den Fahrtensegler aber ebenso erfreut, ist die Tatsache, dass Langkavi selbst für malaysische Verhältnisse ausgesprochen billig ist. Das liegt in erster Linie daran, dass diese Gegend zollfreies Gebiet ist. Ist Bier im restlichen Malaysien kaum zu bezahlen, im Restaurant erst recht nicht, so kostet die Dose hier so knappe 25 Cent, die Flasche Whisky vier Euro fünfzig!
Ein wenig Bammel hatten wir bei der Einfahrt in die Rebak-“Marina” schon, denn die Stege, die am Morgen des 26.Dezembers 2004 an die hundert Yachten beherbergten, hatten sich ja nicht in Luft aufgelöst. Allerdings fast!
Wie uns Augenzeugen später erzählten, geschah das Desaster für Rebak erst drei Stunden nachdem die Tsunami, vor allem 100 Meilen nördlich in Phuket zugeschlagen hatte. Zunächst dachten sich die Beobachter, ein spinnerter Speedbootfahrer würde die Stromwirbel in der Marina verursachen. Aber dann schwoll die Strömung auf geschätzte 10 Knoten Strömung an und alle Stege rissen sich samt den Yachten los. Und verschwanden durch die winklige Hafeneinfahrt. Und kamen - wie zum Hohn - noch einmal zurück. Die schockierten Zuschauer versuchten nun ihrerseits zumindest die auf den Yachten verbliebenen Crews mit Leinen zu retten. Bis dann Stege und Yachten wiederum aus der Marina aufs offene Wassser hinausgespült wurden.

Ein wenig Bammel hatte ich schon, denn die Reste der Stege und ihre Halterungen mussten ja unter der ruhigen, aber trüben Wasseroberfläche noch rumliegen. Und auf den letzten Metern vor dem Travelift wollte ich nichts mehr riskieren, nachdem ich die THALASSA immerhin vierhundert Meilen mit einem Motor heil hierher gebracht hatte. So motorte ich so langsam wie möglich in die Marina hinein, während Larry, der mich auf den letzten Meilen begleitete, aufmerksam das vorausschauende Echolot ständig nachjustierte und beobachtete. So ein Sonar ist eine feine Sache, allerdings ist es nicht so problemlos zu nutzen wie ein Radargerät, aus dem ja auch der Anfänger schon Einiges an Hinweisen rauslesen kann. Fische oder vagabundierende Echos erzeugen leicht das Bild eines Hindernisses voraus, vor allem, wenn man als Anfänger die Verstärkung zu weit aufdreht. Verfolgt man aber das Bild fortwährend - dazu ist ein eigener Mann nötig - , so ist ein Sonar eine ganz wertvolle Hilfe.


Am nächsten Tag hing die THALASSA in den Gurten des Travelifts - endlich! Auf diesen Moment war ich nicht nur wegen des Saildrives gespannt. Denn immerhin hatte mir Michael aus Trinidad, der mir den Anstrich damals organisierte, versprochen, ich könne mit seinen (Jotun-)Farben fünf Jahre im Wasser bleiben - siehe hier.
Es sind zwar nicht fünf Jahre geworden, doch mehr als drei sind zusammengekommen. Und dafür sah das Unterwasserschiff noch blendend aus. Wäre nicht die Sache mit dem Saildrive gewesen, hätte bei häufiger Reinigung unter Wasser keine Notwendigkeit bestanden, für viel Geld aufs Trockene zu gehen.
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](/guide/blauwassersegeln/michael/)Bei allem hatten wir noch Glück gehabt. Denn beim Rausholen sahen wir. dass sich im “gesunden” Drive eine Angelleine verfangen und - Gott sei Dank - abgerissen hatte. das hätte leicht das Ende des Antriebs sein können. Und ohne Wind und sonstigen Antrieb in der Malacca-Straße herumzutreiben - das gehört schon zu den Alpträumen eines Langfahrtseglers.
Noch eine positive Überraschung: Am gesamten Rumpf der THALASSA zeigten sich nicht die geringsten Spuren von Osmose, kein einziges Bläschen. Das ist heutzutage ja keine Selbstverständlichkeit mehr. Überhaupt: Gelcoat in bester Verfassung. Hier hat die Werft erstklassige Arbeit abgeliefert.
Aber, die Hautfrage: Wie sah es im Saildrive aus? Auch Michael von der Nin**, der mir hier mit viel handwerklichen Geschick beistand, war gespannt, als er den Saildrive nach Ablassen des völlig sauberen Öls öffnete. Vorsichtshalber hatte ich mir aus Österreich alle denkbaren Ersatzteile kommen lassen, wäre also so ziemlich auf alles vorbereitet gewesen. Aber es hätte nicht besser sein können. Keine Spur von Korrosion, keine Spur von besonderer Abnutzung der Welle, nichts! Nur die Federn der Simmeringe, und damit auch die Ursache für das Eindringen des Seewassers in den Saildrive, waren erlahmt und kamen so ihrer Funktion des Abdichtens nicht mehr nach. Im anderen - “gesunden” Saildrive sah es nicht anders aus. Nach ein paar Stunden Arbeit hatte Michael beide Saildrives wieder auf Vordermann gebracht. “Wie neu”, meinte er.
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