„Der Dresscode hat sich geändert!“

Verblüffend, die Antwort des smarten Dirk Kreidenweiß, Chef der liebenswertesten Bootsmesse, auf meine Frage nach wesentlichen Änderungen in den letzten vierzig Jahren. Der Dresscode? „Ja, früher haben alle Leute hier Krawatten getragen, heute gibt’s das nicht mehr, weder bei den Besuchern, noch bei den Verkäufern“.
Stimmt schon! Wo vor ein paar Jahrzehnten ehrwürdige Herren im Blazer über die Gänge geschritten sind, da gibt sich heute das Publikum jedenfalls im Outfit so locker, als sei nie die Rede vom Segeln als „Sport der Könige“ gewesen ist. Krawatten? Fehlanzeige. Kids wuseln mit Skateboard oder Surfbrett unterm Arm durch die Besucherreihen und statt der Seemannssprache sind Statements wie „geil“ und „cool“ zu hören.
Kein Zweifel, die Szene hat sich gewandelt. Vorbei sind die Zeiten, wo einem beim Betreten der alten Messehallen der Duft nach Mahagoni in die Nase gestiegen ist. Heute riecht es schon am Tor zur riesigen Halle A1 nach ganz gemeinem Polyesterharz. Und käme der Geruch nicht von schnittigen Segelyachten, dann würde ihn die Landratte als Gestank empfinden.
Für den Segler jedoch ist das der Duft der großen weiten Welt.
Denn den versprechen die Schiffe, die Yachten aus Plastik, viele davon zu groß für den kleinen Bodensee, locker in den Prospekten: „Geeignet für die Weltumsegelung!“, oder, weil es lässiger klingt: „fertig für die weltweite Fahrt!“. Ähnlich wird auch die Bavaria 47 Cruiser, eine „Weltneuheit“, angepriesen. Dieser 14 Meter langen Segelyacht traue ich durchaus eine Weltumsegelung zu – das richtige Skipperpaar vorausgesetzt. So bleiben unter dem Bug der weißen Kunststoffyacht alle Augenblicke träumende Pärchen stehen, tuscheln, ziehen Prospekte aus den Plastiktüten und vergleichen. Das schlagkräftigste Argument ist immer noch der Kaufpreis. Und hier liegt die Herstellerin Bavaria goldrichtig.
Ganze 159.000 Euro soll der Cruiser – früher hieß es „Kreuzer“ – kosten. Gewiss, für so viel Geld gibt es schon ein Haus zu kaufen, aber was ist eine Immobilie gegen ein weltweit mobiles Heim auf dem Wasser? Eines, mit dem man Stürme abwettern kann - wenn man es kann. Der Preis erstaunt, wenn man bedenkt, dass man für andere Yachten dieser Größe, auch mal das doppelte (mindestens) hinlegen muss. Und für diesen gigantischen Preisvorteil nimmt man Abstriche bei der Qualität in Kauf. Aber, das hat sich in den letzten Jahren geändert, allzu viel Nachsicht mit der Werft ist gar nicht nötig. Deckslayout, Inneneinrichtung und Technik sind durchdacht bis ins Detail. Es gibt wenig zu kritisieren, und wenn, dann geht es meist um den persönlichen Geschmack. Der doppelte Ruderstand ist für den großen Schlag mehr ein optischer Gag, segelt man doch in der Praxis meist unter automatischer Steuerung. Und der 120-Liter-Kühlschrank – mit großer Türe, durch die beim Öffnen die kalte Luft verschwenderisch entweicht, besticht nur Kaufinteressenten, die nicht darüber nachdenken, wie 1000 Meilen von der nächsten Steckdose entfernt, ein großer Kühlkompressor zu betreiben ist.
Trotzdem, die neuen Bavarias beweisen, dass Vorbehalte gegen eine Serienyacht, deren Stückzahlen, in die Tausende gehen, nicht mehr angebracht sind. Dass hier ausgerechnet deutsche Bootsbauer aus dem Binnenland, nämlich aus Giebelstadt, Pionierarbeit geleistet haben, zeigen ein paar Meter weiter, Yachten aus amerikanischer Fertigung, offensichtlich auf den niedrigen Dollarkurs setzend; sie sind, dem erfahrenen Auge leicht ersichtlich, schwerer zu manövrieren, vielleicht auch umständlicher zu segeln; sie sind ein wenig altbacken, aber deshalb bestimmt nicht sicherer. Progressiven Fortschritt gibt es also bei den Yachten kaum, beim Zubehör gelegentlich. Der Parasailor dagegen setzt sich langsam durch, man schreibt Erfolgszahlen auf der Interboot, es geht vorwärts mit diesem Vorwindsegel.

In der Halle A3 riecht es endlich wieder nach Holz. Wunderschöne Mahagoniyachten, glänzend lackiert, tun meinen Augen gut. Unvernünftig sind diese Schiffe allemal, nicht nur vom Preis her gesehen. Was soll ich heute mit einem handwerklich perfekten Nachbau einer 10-m-R-Yacht, deren Riss vor hundert Jahren gezeichnet wurde? Doch allein der Gedanke, mit einem solchen Schiff die Wogen des Bodensees zu durchpflügen, macht unbändigen Appetit aufs Segeln.
Weiter als in Halle A3 kann der sich Bogen des Wassersports kaum spannen.

Hier herrscht Nostalgie: Statt eines Schiffnamens hängt ein kleines Schild „Unverkäuflich“ an einem Traum von Mahagoni aus den sechziger Jahren. Wobei es mich wenig stört, dass es sich um keine Segelyacht handelt, sondern um ein offenes Motorboot, ein „Powerboot“ aus der italienischen Edelschreinerei Riva, in den sechziger Jahren auf Kiel gelegt. Man kann sich gut vorstellen, wie Playboy Gunther Sachs im goldbraunfarbenem Ariston vorm Schloss über den Wörthersee bretterte, auf den smaragdgrünen Beifahrersitz des Riva-Runners seine Frau, die Bardot.
Und da, weiter hinten, die nüchterne Kälte von Kunststoff: Der krasse Gegensatz zu den Holzyachten: Die ESSE 990, ein fast 10 Meter langer Daysailer, ist nichts für jene Romantiker, die zu Segelyachten ein eher erotisches Verhältnis haben. Aber dieser Plastikcontainer ist das ehrlichste Segelschiff auf der ganzen Messe. Ihr Erfinder, Erbauer und Verkäufer, Josef


Schuchter aus der Schweiz, macht keinen Hehl daraus, dem Markt ein Segelschiff anzubieten, das zu nichts nutze ist, – außer zum Segeln. Keine Inneneinrichtung, sie fehlt völlig, lässt einen von heimeligen Ankerplätzen träumen. Keine Navigationseinrichtung, außer ein wenig Elektronik zur Beschleunigung mit Windeskraft, verführt zu einer Törnplanung. Das Schiff ist aus Epoxy, man sieht es trotz des edlen Teak-Outfits deutlich, das Rigg ist funktionell und leistungsstark, Carbonteile versprechen Reißfestigkeit, die scharfe Kielbombe, fast so schwer wie das übrige Boot, und die flache Rumpfform verraten den schnellen Gleiter. Das italienische Design ist kühl; nichts wird die Segler an Bord von der Auseinandersetzung mit Wind und Welle ablenken. Speed ist alles!
Segelspaß pur verspricht der Erbauer - und zwar zu einem Drittel der Kosten, die man für ein ähnlich große Racing-Yacht aufwenden müsste. Man glaubt es auch ohne Probefahrt. Josef Schuchter kommt aus dem Autobau, und wenn er von seinem Lieblingsobjekt schwärmt - immerhin hat er von der etwas kürzeren Version, der ESSE 850, an die 100 Stück verkauft - steht unausgesprochen der Name „FERRARI“ im Raum. Der Kaufpreis von 190000.- Euro unterstreicht den Vergleich. Irgendwie cool!
Für mich als Segelromantiker: Brutal cool.
