und Seeleute verunsichert?

Die Pressemeldung:

Hamburger Abendblatt vom 5.1.01 ( von Klaus Merhof)

Ausgerechnet Rettungsinseln können in Seenot zur tödlichen Falle werden. Das hat jetzt Diplomingenieur Rolf Herrmann (63), Experte für Schifffahrtsmedizin vom Hamburg Port Health Center (HPHC) der Gesundheitsbehörde herausgefunden.Der Grund: Sauerstoffmangel. „Fast alle Rettungsinseln, die auf Handelsschiffen und Sportbooten im Einsatz sind, lassen sich wasserdicht verschließen“sagt Herrmann. Der Nebeneffekt ist dramatisch: Bei vier Personen sinkt der Sauerstoffgehalt schon nach einer Dreiviertelstunde auf den kritischen Wert von 15 Prozent. Erste Langzeitversuche, die Herrmann vor wenigen Wochen auf dem Ostsee-Stützpunkt der Bundesmarine in Neustadt leitete, mußten wegen Gefährdung der Testpersonen nach 50 Minuten abgebrochen werden. „Lebensrettend kann allein die Verwendung atmungsaktiver Stoffe sein“, fordert der Experte. Entsprechend ausgestattete Inseln hielten den Sauerstoffwert konstant bei über 20 %. „Wer im Ernstfall eine Rettungsinsel braucht, erlebt immer gerade eine Katastrophe“, weiß Herrmann, der seit über 30 Jahren in dem Hamburger Institut für Arbeitsmedizin und Hafenärztlichen Dienst mit der Sicherheit auf See beschäftigt ist. Stürmisches Meer, erlahmende Kräfte, Todesangst:“Wer bibbernd in einer Rettungsinsel sitzt, wird alle Öffnungen schließen, um Wasser und Kälte draußen zu halten.“ Dann aber fehlt bei den handelsüblich beschichteten Kunststoffverdecken schnell die Luft zum Überleben, der Gehalt an Kohlendioxid steigt. „Wie viele Menschen aus diesem Grund in Seenot schon gestorben sind, weiß niemand“, sagt Herrmann. das sei bislang nie untersucht worden. Abhilfe könnte ein Stoff namens „PTFE“ schaffen, der auch bei der Herstellung neuerer Bundeswehrschlafsäcke verwendet wird. das von der Firma Gore produzierte Material ist atmungsaktiv und trotzdem wasserdicht. „Alle Versuche, auch unter extremsten Bedingungen verliefen höchst zufriedenstellend“, sagt Herrmann. Bei Gesamtkosten von rund 2000 Mark pro Rettungsinsel würde der neue Stoff lediglich mit einem Plus von 50 Mark zu Buche schlagen. „Die Verbraucher müßten es nur wollen - dann ist die Herstellung kein Problem. Und die Sicherheit in Seenot wäre bedeutend größer.“ Auch bei den sogenannten „Spraycabs“ (Spritzschutzhauben) für Rettungswesten haben Herrmann und sein Team gute Erfahrungen mit dem neuen Material gemacht. Spraycabs werden über Kopf und Weste gestülpt, um bei schwerem Wetter, die ständige Überflutung von Mund und Nase zu verhindern. Auch hier waren bislang Belüftungsöffnungen nötig, die andererseits auch wieder Wasser eindringen ließen.Versuche mit dem neuen Stoff unter komplett geschlossener Folie wurden im Labor, im Süßwasserbecken, im Wellenbad und auf See unternommen und hatten durchschlagenden Erfolg.

Der Inhalt dieser Meldung, wenn sie denn so richtig ist und das nehme ich bei diesem Blatt an, ist mehr als ein Ärgernis: Man könnte über diese Geschichte lachen, wenn die Konsequenzen für uns Segler nicht so ernsthaft wären. Hier wird suggeriert - mit Vermutungen “wieviele schon gestorben sind, weiß niemand…”, dass die Rettungsinseln, denen wir uns im Seenotfall anvertrauen, in Wirklichkeit Killerinseln sind. Und damit das Ganze so schön richtig vertrauenserweckend wird, dafür sorgen schon die Worte: “Experte” oder “wissenschaftlich” oder “Gesundheitsbehörde” oder “Health Center” und so fort. Gell, wer möchte da sein Leben noch so einer herkömmlichen gefährlichen Insel anvertrauen?

Schlimm!

Schlimm deshalb, weil Sicherheit an Bord und auf See kein geliebtes Thema ist und gerade in den letzten Jahrzehnten ungeheuer viel Aufwand getrieben wurde, um vor allem spaß-suchende Freizeitsportler sicherheitsbewusster zu machen, klarzumachen, dass die Anschaffung der leider nicht so billigen Rettungsmittel gut angelegtes Geld ist. Und jetzt dieses! Vielleicht berufsbedingt, aber ich sehe schon vor mir Prozessakten, wo Charterer ihr Geld zurückhaben möchten, weil die Yachten mit Todesfallen statt mit vernünftigen Rettungsmitteln ausgestattet waren.

Es gibt, wie bei Medizin, kein Rettungsmittel, das theoretisch ohne “Nebenwirkungen” ist. Wer einmal einen Feuerlöscher eingesetzt hat, der weiß, was der rote Teufel für einen Saustall hinterlässt. Es gibt nachgewiesene(!) Fälle, wo der Sicherheitsgurt getötet hat, weil er bei der Abbergung aus der Luft nicht von der Rettungsinsel gelöst werden konnte. Und es gibt den Fall, wo eine Rettungsinsel im einmotorigen Flugzeug auf Atlantiküberquerung aufgegangen ist - mit tödlichem Ausgang.

Aber: Es gibt keinen einzigen bekannten Fall, wo konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass Insassen einer Rettungsinsel erstickt sind. Bei meinen Nachforschungen zu meinem Buch “Sicherheit an Bord” bin ich auf keinen einzigen Hinweis gestoßen, dass dies ein Thema sein könnte.

Ein Mensch wird ohne Sauerstoff nach kurzer Zeit ersticken. Um das herauszufinden, brauch ich keinen wissenschaftlichen Versuch - wie oben beschrieben. Und dann fällt hierzu doch was auf: Wenn der “Experte” eine luftdichte Rettungsinsel im Handel gefunden hat, dann kann ich ihn nur beglückwünschen. Denn dann wäre sie auch absolut wasserdicht, was schwer zu realisieren ist. Und das können Fachleute aus der Branche bestätigen: Wenn Wasserdichtigkeit erreicht wird, bedeutet dies noch lange nicht “Luftdichtigkeit”. Ich nehme doch nicht an, dass bei diesem Test im Labor mit Klebebändern nachgeholfen wurde, um Luftdichtigkeit zu erreichen. Das aber hätte mit der Praxis draußen auf dem Meer nichts mehr zu tun.

Wer schon mal eine Rettungsinsel im Wasser erlebt hat, gar auf offener See, kann sich jedenfalls nicht vorstellen, dass über längere Zeit absolute Sauerstoffdichtigkeit im rettenden Überlebensraum herrscht. Da ist man schon froh, wenn kein Wasser mehr reinkommt.

Noch was stößt hier auf: Das alleinseligmachende Gewebe-Material wird bei dieser wissenschaftlichen Untersuchung gleich mitpräsentiert, nebst Herstellerfirma und kosten würde das Ganze ja auch nur fünfzig Mark mehr. Also Leute mit echtem Sicherheitsbewußtsein! Schmeißt Eure alten Inseln weg, die neuen Lebensretter sind nicht viel teurer als die alten.

Nur merkwürdig: Sind denn alle Rettungsmittelhersteller Deppen, dass sie diese ungeheure Marktlücke noch nicht entdeckt haben?

Ich habe über Jahrzehnte miterlebt, dass die Rettungsmittel-Industrie, jedenfalls in Deutschland - zwar durchaus gewinnorientiert denkt, dass sie aber auch ungeheuren Aufwand treibt, um ihre Produkte sicherer und damit besser machen. Keiner aus der Gilde der Rettungsmittelhersteller, die sich teilweise ein Leben lang mit Fragen zur Sicherheit beschäftigt haben, die unzählige Unfälle ausgewertet haben, keiner von den Rettungsfachleuten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, weltweit niemand aus der Luftfahrt (wo ja auch Rettungsinseln einsatzbereit sind), niemand hat dieses angebliche Todes-Gefahr erkannt. Das sagt doch alles.

Einen Tipp habe ich noch für obigen Experten: Wie wäre es denn mit einem Bettdeckentest auf Luftdurchlässigkeit? Hier sind jedenfalls Todesfälle durch Ersticken unter der Bettdecke nachweisbar. Deshalb werde ich aber meine Daunendecke nicht gegen modernes Supergewebe eintauschen.

Bobby Schenk

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