Frage 367 - M.S. (Name ist bekannt): Stagen statt Rollfock auf 30-Fuß-Fahrtenyacht?
Stagreitersegel als Alternative zum Rollvorsegel?
Sehr geehrter Herr Schenk
Meine Frage betrifft die mögliche bzw. sinnvolle Riggkonfiguration einer kleineren Yacht um 30 Fuss auf Langfahrt. Es ist mittlerweile ja selbstverständlich, dass Yachten mit Rollvorsegeln ausgerüstet sind. Während man im Küstenbereich bzw. bei kurzen Tagestörns mit einer Rollgenua ganz gut zurecht kommt, sollte bei längeren Fahrten zusätzlich eine Starkwind- oder Sturmfock zu setzen sein. Die beste Variante hierfür scheint mir ein mobiles, inneres Vorstag zu sein, an dem ein konventionelles Stagreitersegel gesetzt werden kann. Nun ist es bei kleineren Yachten, insbesondere mit einem Fraktionalrigg und eventuell nur einem Salingspaar, nicht ohne weiteres möglich, ein solches Stag anzubringen. Mich würde deshalb Ihre Meinung zur Idee interessieren, ganz auf die Rollanlage zu verzichten und stattdessen wie “in alten Zeiten” die Vorsegel an Stagreitern zu fahren.
Herzlichen Dank für Ihre Mühe und freundliche Grüsse aus der Schweiz.
M.S.**
Besucher fragen, Bobby Schenk antwortet
Sehr geehrter Herr M.S.
Ja, zu diesem Thema kann ich aus eigener
Erfahrung schon etwas an Wissen beisteuern:
Ihre Frage ist auch heute noch von allgemeinem Interesse.
Schließlich gibt es immer noch
zigtausend ältere Yachten auf dem Gebrauchtboot-Markt, deren
Besegelung und das Rigg noch nicht auf den Rollmechanismus umgerüstet sind. Bei neuen Schiffen dürften Stagen
mit Segel an Stagreiter dran allerdings
Seltenheitswert haben. Aber für den Selbstbauer ist dies sicher noch eine
bedenkenswerte Alternative, schließlich ist die Ausrüstung mit Stagen für die
Vorsegel die weitaus billigere Lösung, und gar nicht unbedingt die schlechtere.
Unsere großen Reisen (unter anderem um die Welt und vier Jahre lang in der Südsee) sind Karla und ich mit Yachten gefahren, die keine Rollfocks hatten. Stagen, an denen die Segel mit Stagreiter befestigt waren, galten als Standard
- damals. Sodass wir erst gar nicht gefragt haben, ob eine Rollfock die bessere Lösung ist. Ganz typisch für Segler waren auch die ersten Reaktionen, als Rollfocks am Markt auftauchten: “Was ist, wenn unterwegs die Rollfock versagt?” und “wohin, in diesem Falle, mit den kläglichen Resten dieser Vorrichtung, die ja wegen des Profil-Rods auf einer Yacht liegend bis zum nächsten Hafen zum Dauerhindernis werden können.”
Nun, besucht man eine Bootsausstellung und streift durch die Hallen, fällt
sofort ins Auge, dass überall, selbst auf den kleinsten Yachten,
Segel an Stagen verschwunden sind. Und das
nicht ohne Grund. Es ist unterwegs eine erhebliche Erleichterung, bei einer
Windänderung nicht mehr aufs Vorschiff zu
müssen, sondern die Segelfläche bequem vom Cockpit
aus zu variieren. Es war für uns auf den Weltmeeren tatsächlich jeweils
ein großes Abenteuer, bei sieben Windstärken und mehr aufs Vorschiff nach
vorne zu kriechen(!), um dort, meist bei
überkommender Gischt im Gesicht oder im
grünen Wasser sitzend, eine Viertelstunde lang
die Genua abzuschlagen und ein kleineres steifiges Vorsegel anzuschlagen, um
dann ins Cockpit zurückzurobben.
Liest man in der älteren Segelliteratur
bei Langfahrtseglern nach, so findet man häufig in den Büchern ein
Jammern darüber, dass der Segelmacher
unnötigerweise ein viel
zu steifes Tuch verarbeitet und man sich daran die
Fingernägel abgerissen hat. Man sollte in
alten Verkaufsanzeigen mal nachlesen, welcher Segelgarderobe sich Bootsverkäufer
für ihre Yacht rühmten. Da war die Rede von der Genua
eins bis drei, von mehreren Focks und - natürlich - von der
Sturmfock. Aber, auch das sollte man nicht
übersehen, die Besatzung einer 10 Meter Yacht bestand damals häufig aus sechs bis
acht Mann, die man als Skipper zum Teil bequem vom Cockpit aus zum
Segelwechsel aufs Vorschiff hetzen konnte.
Das hat sich grundlegend geändert. Heute werden Yachten, zum Teil bis 50, 60 Fuß Länge, häufig von einer Zweiercrew gesteuert, die kräftemäßig total überfordert wäre, im harten Wetter auf dem Boden des Vorschiffs in der Salzwasser-Dusche Segel zu wechseln. Die Rollfock hat alles geändert.
Ja, der früher so gern vorgebrachte Einwand, dass bei verkleinerter Rollfock das Segel keinen guten Stand mehr hat, ist zwar generell richtig, aber 90 Prozent aller Urlaubs- oder Vergnügungssegler nehmen das, so wie ich, widerstandslos in Kauf. Segeln ist Vergnügen und deshalb soll es auch bequem sein. Ja, und dann kommt noch der Einwand, dass eine Rollfock als Sturmsegel nicht taugt. Auch richtig, aber was macht denn der Durchschnittssegler bei wirklich schwerem Wetter? Er wird bis zum nächsten Hafen von der Rollfock noch einen winzigen Fetzen stehen lassen und die Maschine dazu zur Unterstützung anschmeissen.
In Ihrem Falle also möchte ich Ihnen zur einem Rollsegel, also keinen separaten Stagen raten. Es sei denn, Sie sind noch jung und dementsprechend sportlich. Dann macht es Spaß, das Vorsegel den jeweiligen Winden per Segelwechsel anzupassen. Die Befriedigung nach einem harten Törn ist ungleich größer, wenn man sich den Weg nach Luv mit harter Vorsegelarbeit auf dem heftig arbeitenden Vorschiff erarbeitet hat, statt mal ein paar Kurbelumdrehungen im Cockpit an der Reihleine der Rollfock getätigt zu haben.
Freundliche Grüße aus Bayern
Bobby Schenk
