**Frage von Stefan Dietrich wegen Astronavigation in der einfachsten Form, der Mittagsbreite"
Sehr geehrter Herr Schenk,
ich befasse mich schon seit einiger Zeit mit Astronavigation (natürlich auch mit Ihrem hervorragenden Buch über Yachtnavigation). Mich interessiert als Physiker, der in der HighTech Branche tätig ist, grundsätzlich alles, was früher ohne komplizierte Computertechnik so möglich war und auch zum gewünschten Ergebnis geführt hat.
Ich brüte seit einiger Zeit über einer Frage, bei der ich meinen Denkfehler nicht finden kann.
Es ist mit dem Verfahren von St. Hilaire möglich, aus einer Messung und einer gegißten Position eine Standlinie zu bestimmen, soweit völlig klar.
Aus der gleichen Messung könnte man auch nur den Breitengrad als Standlinie bestimmen (Stichwort Mittagsmethode).
Ist es möglich beides zu kombinieren und die durch Messung bestimmte Breite mit der aus der selben Messung (!) errechneten Standlinie nach St. Hilaire zu kreuzen (vorausgesetzt die Winkel passen) und so die Position zu finden oder nicht? Und wenn nicht, warum nicht?
Vielleicht können Sie mir hier auf die Sprünge helfen.
viele Grüße aus Türkenfeld in der Nähe des schönen Ammersees,
Stefan Dietrich**
Für Ihre Frage bin ich dankbar und sie freut mich auch. Nein, es ist keine Schadenfreude über Ihren Denkfehler, sondern Freude darüber, dass ich Gelegenheit erhalte, ein paar Worte über eine Methode loszuwerden, der die Welt ungeheuer viel verdankt und ohne die sie, politisch wohl nicht so aussehen würde, wie sie jetzt ist.
Mit dieser Methode, hat schon Kolumbus navigiert und wie wir wissen, einen Erdteil entdeckt -so wie schon seine Vorfahren auf offener See. James Cook hat damit als erster Mensch Hawaii auf die Erdkarte gebracht und bis zur Erfindung der Satellitennavigation in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrtausends wurde die Formel zur Mittagsbreite täglich in der Schifffahrt genutzt, von der kleinen Weltumsegelyacht bis zum Riesentanker.
Unzählige Weltumsegelungen sind damit durchgeführt worden, weil die Skipper, wie Wolfgang Hausner mal lakonisch festgestellt hat, über die Ozeane “gebreitelt” haben.
Und weil viele begeisterte Segler heute mit dem Gedanken spielen, sich einen Sextanten anzuschaffen, und den nicht nur als Statussymbol im Wohnzimmer an die Wand hängen sondern auch mal “richtig auf hoher See“ astronomisch navigieren wollen, darf ich diese geniale Art der Breitenbestimmung kurz, sozusagen als Appetitanregung zur Hochseenavigation erklären, denn die Bestimmung der geographischen Breite mit Hilfe der Sonne (99% aller Sextantmessungen sind Sonnenmessungen) ist sowohl beim Messen als auch - erst recht - beim Berechnen genial einfach.
Alles beruht auf der Überlegung, dass eine Winkel-Messung zwischen der Höhe eines Leuchtturms und seines Fußpunktes, wir kennen das aus der terrestrische Navigation für Anfänger - 1.Kapitel, den Abstand zum Leuchtturm ergibt und damit die Möglichkeit, einen Kreis auf der Seekarte um den Leuchtturm zu zeichnen - mit dem Abstand als Radius.
Wenn dies auch bei einem Gestirn wegen der Größe des Abstandes praktisch nicht funktioniert (Kreis und Gestirn würden zusammen nicht auf eine Seekarte passen), so ist dies die Grundlage sowohl für das Verfahren nach St.Hilaire, als auch für die Mittagsbreite.
Eine astronomische Standlinie ist also genaugenommen keine Gerade, sondern ein Kreisbogen! Nur: Dieser Ausschnitt aus dem Kreis ist wegen der Größe jedes Kreises mit einem Durchmesser von vielleicht zigtausend Meilen nicht mehr gebogen, sondern praktisch(!) eine Gerade, nämlich eine Standlinie, also eine Linie, auf der sich unsere Yacht befindet.
Dem einen oder anderen wird sich jetzt auch erschließen, welche Richtung so eine Standlinie hat? Richtig! Sie, übrigens ihre fachliche Bezeichnung ist “Azimut”, steht genau senkrecht zur Richtung zum Gestirn (Sonne).

Mittags steht die Sonne, wie wir wissen, im Süden oder wenn wir uns am Kap der Guten Hoffnung befinden, genau(!) im Norden. Wichtig ist für Ihre Frage, Herr Dietrich, das Wörtchen “genau”. Denn Schiffsmittag, und nur der ist für die Mittagsbreite maßgeblich, ist nur dann, wenn die Sonne genau(!) im Süden oder im Norden steht. Das ist immer dann der Fall, wenn die Sonne den höchsten Punkt ihrer Laufbahn um die Erde erreicht hat.

Daraus aber folgt: Wenn wir die Sonne an ihrem höchsten Punkt messen, auf dem sie scheinbar(!) vier Minuten oder so verweilt, dann steht sie genau im Norden oder Süden, und unsere Standlinie ist folglich zu ihrer Richtung (Azimut) von 180 Grad (=Süden) oder 360 Grad(= Norden) senkrecht dazu, also 90 Grad oder 270 Grad (was für die Richtung einer Geraden dasselbe ist).
Eine Gerade auf der Erdoberfläche in genau Ost- oder Westrichtung ist aber exakt eine geographische Breite! Immer!
Jetzt können wir mit diesen einfachsten Erkenntnissen leicht Ihren Denkfehler beseitigen: Mit der genialen, aber doch recht komplizierten Methode von St.Hilaire, die zu erläutern hier zu weit führen würde, kann der Navigator das Azimut (=Richtung zum Gestirn) für jede Tageszeit , also nicht nur mittags - das ist der Vorteil dieser Methode - und damit die Standlinienrichtung exakt berechnen. Er wird deshalb zur (Schiffs-)Mittagszeit eine Standlinie von einer Richtung von 90 Grad oder 270 Grad berechnen. Diese mit der Mittagsbreite zum Schnittpunkt zu bringen, macht allerdings keinen Sinn, denn beide haben die gleiche Richtung. Und damit gibt es nicht nur einen schlechten Schnittpunkt, sondern gar keinen. Und somit auch keinen Schiffsort!
Die Formel zur Berechnung einer Mittagsbreite zeige ich nur deshalb hier ergänzend auf, um Besitzer von Sextanten zu animieren, ihr schönes Gerät auch mal in der Praxis einzusetzen und die Schiffbreite zu berechnen:
Wenn im Sommer auf der Ostsee oder im Mittelmeer die Sonne genau am höchsten steht, dann gilt:
90 Grad - verbesserter Sextantwinkel
- Deklination
Deklination ist die Gestirnsbreite der Sonne, ein Wert, den man für jeden Zeitpunkt aus dem Nautischen Jahrbuch auslesen kann.
Der eine oder andere wird nun sich denken: Mit der Mittagsbreite kriege ich nur die geographische Breite meines Standortes. Ist das nicht ein bisschen wenig?
Die erwähnten breitelnden Weltumsegler haben das Gegenteil davon bewiesen. Sie segelten auf die Breite des Zielortes und dann mit dem Kompass genau nach Westen (oder Osten) und erreichten so, wenn auch ein wenig umständlich ebenfalls ihr Ziel.
- Wem aber die Breite nicht ausreicht, dem
- sei die genauso einfache “Mittagslänge aus zwei gleichen Höhen”
- empfohlen. Damit hat er dann den kompletten Schiffsort: Näheres
- siehe: [Astronavigation
- Ohne Formeln praxisnah, 15.Auflage](https://www.amazon.de/Astronavigation-Formeln-praxisnah-Bobby-Schenk/dp/3768802590/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1536337922&sr=8-1&keywords=astronavigation)
Viele Grüße
Bobby Schenk
