Frage von Christof Naef wegen Astronavigation
Guten Tag Herr Schenk
Vorab mein herzliches Beileid zum Abschied von Ihrer Ehegefährtin. In solchen Momenten wird einem deutlicher denn je bewusst, dass kein Mensch aufgrund dessen, was er oder sie “geleistet” hat, unersetzlich ist, wohl aber aufgrund der Beziehung auf der ganz persönlichen Ebene, des vertrauten und vertrauenden Umgangs. Da kann niemand die entstandene Lücke ausfüllen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie der Trauer Raum geben und sich auch wieder ganz dem Leben zuwenden können.
Ich bin daran, Ihr hervorragend geschrieben und gestaltetes Buch “Astronavigation” durchzuarbeiten. Es hat, nachdem es mir vor über fünf Jahren in einem Antiquariat zufällig in die Hände gekommen und also erworben worden ist, bis vor kurzem unangerührt bei meinen Segelbüchern gestanden. Nun bin ich von der “Materie” aber höchst fasziniert.
Eine klärungsbedürftige Frage hat sich mir ergeben, nachdem ich im Internet nach den Sight Reduction Tables gesucht habe und auch fündig geworden bin. Die H.O. 249 sind gemäss Untertitel für Air Navigation vorgesehen, während die H.O. 229 für Marine Navigation bestimmt sind. Sie verwenden die H.O. 249. Dies hat gewiss einen bestimmten Grund, der sich mir aber (noch) nicht erschlossen hat? Worin liegt - abgesehen von den “Präliminarien” - der inhaltliche Unterschied zwischen 249 und 229?
Besten Dank im Voraus für Ihre erhellende Antwort…!
Freundliche Grüsse
Christof Naef
Besucher fragen, Bobby Schenk antwortet
Guten Tag, Herr Naef,
das freut mich immer, wenn sich wieder mal ein Segler für dieses bezauberndes Hobby Astro sich begeistert. Denn unbedingt notwendig für die Hochseesegelei ist sie wohl kaum noch. Im Internet findet man hierzu manchmal die irresten Ansichten, die darauf hindeuten, dass die Leute, die sich dazu äußern “müssen”, aber nicht nur Null Ahnung von der Materie haben, sondern schlichtweg dumm sind oder besser gesagt, deren geistiger Horizont am Rande des Smartphone-Displays endet. So fand ich mal die beklemmende Meinung, dass man auf einem schwankenden Schiff, wie es so eine Yacht nun mal ist, ein Gestirn gar nicht genau genug zum Navigieren richtig messen kann.
Was für ein Nonsense!
Schließlich sind nicht nur Kolumbus - der konnte allerdings nur die Schiffsbreite (für alle Nonsense-Autoren: “Schiffsbreite” ist hier nicht die Entfernung von Backbord nach Steuerbord!) bestimmen - und später hunderte von Weltumsegel-Yachten, sowie die gesamte Berufs-und Kriegsschifffahrt mit Hilfe der Astronavigation und eines Sextanten in allen Teilen der Welt hunderte von Jahren geskippert worden.
Warum die Navigation mit Hilfe der Gestirne gerne ins Fach der Geheimnisse abgeschoben wurde, liegt daran, dass zwar das Messen von Sonne, Mond, Planet und Stern einfach und zuverlässig ist, wenn man einen simplen Kunstkniff beherrscht, dass aber die rechnerische Auswertung des gemessenen Winkels nicht ganz einfach ist, vor allem dann, wenn man hierzu keine geeigneten Tafeln oder Formeln benutzt.
Um die Navigation schließlich zu erleichtern wurden Mitte des vergangnenen Jahrhunderts verschiedene Auswertungs-Tafeln entwickelt, um die Verarbeitung von Meßzeitpunkt und Sextantwinkel entscheidend zu erleichtern. Eine davon ist die Tafel HO 249 (jetzt: Pub.NO249) , die speziell dafür entwickelt wurde, um in der (Bomben-)Fliegerei einfach und schnell zu einem Standort zu kommen. Klar, dass man bei der Suche nach einen Standort bei einer Geschwindigkeit von mehreren hundert Knoten darauf zu achten hatte, möglichst schnell zum Ergebnis zu kommen, wobei man auf die Genauigkeit des Ergebnisses zugunsten der Einfachheit nicht die höchsten Anforderungen gelegt hat. Davon profitierten wir Weltumsegler mit den HO249-Tafeln ein halbes Jahrhundert lang.
Wie hoch war
aber die Genauigkeit in der Praxis: Ein geübter Nautiker wird bei annehmbaren
Wetter auf plus/minus 2 Winkelminuten (das sind 2 Seemilen) genau messen.
Die NO249-Tafeln geben nur ganze Winkelminuten, also keine Bruchteile davon an -
siehe Bild links.
Was zur Folge hat, dass der so errechnte Standort höchstens auf eineinhalb
Seemeilen genau ist. Die Meßungenaigleit hinzugezählt ergibt also ein
garantierte(!) Genauigkeit von drei bis vier Seemeilen. Mehr als ausreichend, um
die Welt zu umrunden.
Aus dem
Bestreben, zwar die Einfachheit der Rechnung fast(!) beizubehalten, die
Rechengenauigkeit zu steigern, wurden daraufhin für die Seefahrt (wo es nicht
so sehr auf schnelle Ergebnisse ankommt) die HO229 entwickelt, die auch die
Nachkommastellen berücksichtigt, sodass hier die Rechengenauigkeit gegen Null
tendiert. Zudem wurde mit sechs Bänden (gegenüber drei bei der NO249)
gearbeitet und eine Tafel für ausgewählte Sterne (“selected stars”)
fehlt. Es gibt noch ein paar Unterschiede mehr, zum Beispiel bei der
Gestirnsbreite, aber das spielt in der Praxis keine Rolle. Ich habe jedenfalls
bei geschätzten tausend Gestirnsmessungen keinen Augenblick erlebt, wo ich
zugunsten der HO229 mit der NO249 unzufrieden gewesen wäre. Ja, ich kenne keine
Yacht, und hab auch nicht davon gehört, die mit der HO229 navigiert hätte.
Mit freundlichen Grüßen
Bobby Schenk
