Frage von Andreas Roediger

Moin, ich war jahrelang Berufspilot und habe mir oftmals über den Ozeanen gedacht, die weite Welt da unten müsstest du mal mit fünf und nicht mit knapp 500 Knoten entdecken… Nun gut, in 2-3 Jahren wird es soweit sein und ich habe drei weitere Fragen für deine überaus informative Seite: 1.) Die erste Frage ist vielleicht banal, aber wie läuft es eigentlich mit dem Zoll in den diversen Ländern? Soweit ich bis jetzt informiert bin, hisst man die Flagge des Gastlandes und eine gelbe Flagge, doch was passiert dann? Fährt man einfach in den nächsten Hafen und medet sich beim Hafenmeister? Oder ruft man zB über VHF ein Zollboot herbei bzw fährt zum nächstgelegenen Zöllner? 2.) Wir werden zu fünft sein, meine wunderbare Frau und ich mitsamt unseren drei Kindern im Vorschulalter. Ich gehe nach den diversen schönen Berichten im Netz davon aus, dass es für die Kinder eine großartige Erfahrung sein wird. Allerdings mache ich mir echt schwerste Sorgen, dass sie in kindlichem Übermut über Bord gehen. Daher, welche Weste oder sonstige Sicherheitsmassnahmen würdest du empfehlen? Wie haben das die anderen Yachties mit Kindern gemacht? 3.) Piloten denken aus guten Gründen immer in Redundanzen als auch dass der nächste Schritt im Tagesablauf eher schief geht denn klappt und irgendein Bordsystem bald den Geist aufgeben wird. Daher frage ich mich, warum es auf Segelyachten meist nur ein einziges (!) GPS gibt und nicht, wie in jedem Flieger, mehrere Trägheitsnavigatonssysteme bzw. IRS (Inertial Reference System)? … Mit einem IRS bin ich vom amerikanischen Miltitär, was oftmals in Krisensituationen die Genauigkeit der GPS-Signale reduziert, unabhängig. Ausserdem arbeiten die IRS-Systeme, vor allem wenn sie Laserkreisel eingebaut haben, mit enormer Genauigkeit und Zuverlässigkeit - ich habe in meinen langen Jahren als Pilot noch nie eines der drei an Bord vorhandenen System aussteigen sehen. Zu den möglichen Schiffen frage ich dich jetzt nicht - es gibt zu viele, die sehr reizvoll sind… Vielen Dank vorab! beste grüße, andreas roediger


Moin,

Behörden - Nein, banal ist Ihre Frage nach dem Zoll nicht, denn damit beginnt ja die schönere Zeit beim Langfahrtsegeln, nämlich am Ankerplatz oder im Hafen. Allerdings kann eine generelle Auskunft nicht gegeben werden. Denn es kommt auf die Vorschriften des jeweiligen Landes, auch über die Behandlung von Yachten, an. An manchen Plätzen kümmert sich niemand um die gelbe Flagge (falsch genannt: “Quarantäneflagge”). Und tagelang hört man dann die Frage, wann man die gelbe Flagge endlich herunternehmen kann. In Australien zum Beispiel ist es (war es?) unbedingt notwendig, seine Ankunft lange zuvor schon per Email zu avisieren und die Schwierigkeiten können enorm sein, wenn man sich darauf beruft, dass man das nicht gewusst habe. An vielen Plätzen kommen die offiziellen, einzeln oder im Pulk (Immigration, Gesundheit und Zoll) bevor auch nur der Anker gefallen ist, zur Yacht am Ankerplatz herausgefahren. Und an anderen Plätzen lassen die Offiziellen die Neuankömmlinge schmoren, oft tagelang, währenddessen man nicht an Land, auch nicht zu anderen Yachtnen mit dem Beiboot verkehren darf. Über all dieses sollte man sich vor der Ankunft im Internet vergewissert haben. Nahezu jedes Land hat inzwischen einen Internet-Auftritt, wo man sich zuverlässig informieren kann, vor allem über den letzten Stand der Dinge. Vorsicht vor anderen Auskünften (auf privaten Internetseiten, Törnberichten), die Vorschriften können sich schnell ändern. Von meinen früheren Besuchen in Französisch Polynesien wussten Karla und ich, dass die

Franzosen und der Gendarm es nicht so genau nehmen und sich praktisch nur für Waffen und Munition interessieren würden. Als wir dann Jahre später wieder mal auf den Marquesas-Inseln 800 Meilen von der Hauptinsel Tahiti entfernt einklarierten und die Frage, was zu verzollen ist, harmlos wie immer mit “Nothing” beantworteten, wussten wir nicht, dass inzwischen das riesige Areal (so groß wie Europa) ein Zollboot abgraste. Eines Tages war es dann so weit. Ein Zollkommando, bestehend aus zwei Franzosen und einem Tahitianer enterte am Ankerplatz unsere THALASSA und ließ uns ungerührt Flasche für Flasche abzählen. Erst mein naives Angebot, alles zu verzollen, stimmte den Chef (mit der gefaxten Kopie unserer Ankunfts-Zollerklärung in der Hand) versöhnlich: “You would have tears in Your eyes!”. Man beließ es dann mit der Versiegelung der Schnapsvorräte. Mein jahrelanges gehegtes und gepflegtes (Vor-)Urteil über die(!) Franzosen änderte sich von diesem Moment an in “äußerst sympathische Menschen”.

Eines ist allgemein aber in jedem Fall richtig: Man sollte Schiffszertifikate, Kopien der Crewlisten, der Reisepässe, die Führerschein(e) und sonstigen Zeugnisse, und ein Verzeichnis der kompletten Elektronik in unbegrenzten Mengen vorrätig haben, denn nicht an jedem Platz hat man Zutritt zu einem Kopierer. Melden Sie sich immer über UKW bei den Hafenbehörden an, wenn Sie sich in UKW-Reichweite befinden. In vielen Fällen erledigt das auch das Marina-Büro, wenn Sie die darum bitten.

Und auch das gilt: Bordfrauen tun sich immer leichter im Umgang mit teilweise ruppigen Behörden. Es fällt uns daher kein Zacken aus der Krone, wenn Ihre wunderbare Frau in den Crewlisten an erster Stelle als Captain steht und Sie unter der Überschrift “Crew” als ferner liefen angegeben sind.

Kinder - Ich habe keine Kinder und maße mir deshalb zu dieser Frage kein Urteil an. Schwimmen sollten sie auf jeden Fall können, nicht, um beim Überbordgehen (was niemals passieren darf) länger überleben zu können, sondern weil der Spielplatz der Hafen oder der ankerplatz sein wird, wo Schwimmkünste ein Überlebens-Muß sind. Zu dieser Frage kann Ihnen nur jemand zuverlässig Auskünfte und lebensnotwendige Anregungen geben, der selbst mit kindern auf Langfahrt war. Sehen Sie mal auf meiner Seite Who-who-im-Weltumsegeln, wo inzwischen über 70 Weltumsegler verzeichnet sind. Sie finden dort eine Reihe von Eltern, mit denen Sie Kontakt aufnehmen können. Die sind sicher gerne zu authentischen Auskünften bereit. Oder kommen Sie in mein nächstes Blauwasserseminar!, wo auch eine Weltumsegler-Familie mit Kind, dem damaligen “Opfer” (siehe Foto) unter den Referenten sein wird.

Navigation - Vergessen Sie, was Sie über das für Yachten sündhaft teure Trägheitsnavigatonssystem (IRS) wissen - ich hab noch nie eines auf Yachten auch nur gesehen. Heute ist GPS in der Navigation das Maß aller Dinge. Und das reicht auch, ohne Wenn und Aber. Ich verfolge die Entwicklung der Funknavigation seit 30 Jahren, hab auch Bücher darüber geschrieben, und bin zu dem Schluss gekommen, dass Versagen des GPS über ein längere Zeit hinweg so gut wie noch nie weltweit vorgekommen ist, akute Kriegsgebiete vielleicht ausgenommen. Das Argument mit den ausgelaufenen Batterien, der Elektronik, die versagen kann, ist kindisch, wernn Sie einige GPS-Empfänger (fünf vielleicht) an Bord haben. Jedes billige GPS, das die Position nach geographische Länge und Breite weltweit anzeigen kann (Auto-Navi, Armbanduhr, Fotoapparat, Golfuhr, Marine-GPS, Wander-Navi, Smartphone und so fort) reicht für die weltweite Fahrt leicht aus.

Eine Gefahr allerdings gibt es und darf nicht verschwiegen werden. Desaströser Blitzeinschlag in die Yacht (ich hab über ein Handvoll solcher Fälle auf diesen Webseiten berichtet) können die gesamte Elektronik lahmlegen. Vorsorge ist vielleicht, das GPS-Gerät in einen faradayschen Käfig (Backrohr, Blechbüchse) auf standby halten. Aber ein hundertprozentiger Schutz ist dies auch nicht. Dann werden Sie sich als Berufspilot mit dem ATPL und einem billigen Plastik- oder Papp-Sextanten auf hoher See weiterhelfen können. In meinem Buch Astronavigation - 14.Auflage steht alles drin, damit könnten Sie nach einem Tag Üben mit Hilfe der Sonne weiternavigieren - wie es bis vor drei Jahrzehnten Standard, und zwar ohne Redundanz, unter allen Blauwasserseglern war.

Gute Fahrt

Bobby Schenk