Frage von Dr. Thorsten Kern
Sehr geehrter Herr Schenk, leider beschäftige ich mich weiterhin nur in der Theorie mit dem längeren Aufenthalt auf See. Dennoch bin ich mal wieder über eine Frage gestolpert, bei der ich mir Ihre fachliche Meinung erhoffe. Aus privaten Gründen haben wir uns eine Hängematte angeschafft (~100 EUR), die sich als Notbett in der Familie inzwischen größter Beliebtheit erfreut. Bei einem Abstand der Aufhängepunkte von 4 m (Stofffläche ~3.0 m x 2,5m) bietet sie wenn man in Längsrichtung liegt einen schützenden Schlauch von vielleicht 50 cm Durchmesser für eine Person. Auch ein Schlafen zu zweit mit Kind ist möglich. In Querrichtung liegend ist sie für bis zu drei Personen als "Aufenthaltsort" akzeptabel. Man schläft extrem rückenfreundlich und das leichte Wiegen erinnert uns als Landratten an schöne Urlaubstörns. Und hier kam der Punkt. Die Hängematte ist (war) ja das klassische Bett des Matrosen auf Mehrmastern. Nun lese ich mit von Weltumsegelungen, bei denen der Salon zur Liegewiese für Familien umgebaut wird. Sehe auf Regattayachten mehr oder weniger unbequeme Pritschen mit einstellbarem Lagewinkel. Lese in Testen von Yachten über die Langfahrttauglichkeit von Leesegeln oder das Problem von Staunässe unter Matratzenkonstruktionen - und die entsprechenden teuren Lösungen zu deren Beseitigungen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass beim Amwindkurs mit entsprechendem Seegang ein Schlafen im Vorschiff und Heck quasi unmöglich ist. Nun sind die heutigen Yachten, Einrümpfer oder Katamaran, hinreichend bemessen. Bereits ab 40 Fuß ist sogar eine Montage einer Hängematte quer zur Fahrtrichtung denkbar. Sie würde den Vorteil bieten jeweils eine Bewegungskomponente, das Rollen oder Nicken, Prinzip-bedingt auszublenden. Auch Resonanzeffekte sind kaum zu befürchten, ähnlich wie bei einem halb-kardanisch aufgehängten Herd oder Salontisch. Alleine mit der Einschätzung ob nun eine Montage in Längs- oder Querrichtung zum Schiff sinnvoll ist tue ich mir schwer. Aber aus der theoretischen Überlegung heraus würde ich sagen, man sollte lieber auf die komplexen Einbauten für Betten im Vorschiff verzichten, und ein paar massive Haken im Bug einlaminieren, rund um die Maststütze, am Niedergang und jeweils auf Höhe der Wantendurchführungen im Salon vorsehen, und dann je nach Bedarf und Kurs die Koje "Hängematte" aufhängen. Gibt es aus Ihrem Erfahrungsschatz irgendeine Beobachtung, die diese theoretische Überlegung für Yachten stützt oder wiederlegt? Die Lösung scheint komfortabel, einfach und kostengünstig - es liegt also nahe etwas übersehen zu haben. Vielen Dank, mit freundlichen Grüßen Thorsten Kern
Sehr geehrter Herr Dr.Kern,
gute Frage!
Aber wie Sie schon vermutet haben, gibts einen oder mehrere Haken, an denen Sie eben die Hammock, die Hängematte nicht aufhängen können.
Vorbild und Gedankenanstoß waren ja wohl Bilder aus der Bounty oder eines alten Rahseglers, wo tatsächlich die Kadetten die wenigen Stunden Schlaf, die ihnen verblieben waren, in einer wiegenden Hängematte zugebracht hatten. Dass dies in einer Yacht nicht geht, hängt tatsächlich in erster Linie mit der geringen Größe der Yacht im Verhältnis zu den Rahseglern, wo Hängematten früher durchaus üblich waren, zusammen.
Aber zunächst zum Platzbedarf. Sie erwähnten ja schon den Am-Wind-Kurs: Wenn eine Yacht Lage schiebt, dann wird die Hängematte bis an die 30 Grad aus der Senkrechten ausschwenken. Und da die Drehachse ja an den Aufhängepunkten der Matte ist, Ihr Körper aber deutlich darunter liegt, werden Sie allein schon dadurch eine Menge Raum beanspruchen. Macht nichts, wenn Ihre Matte in der Schiffsmitte befestigt ist. Aber das ist praxisfern, erfahrungsgemäß werden sich ja mindestens zwei Personen den Raum teilen. Wenn dann versucht wird, dass die Leematte mit dem Kameraden nicht ständig gegen die Bordwand poltert, werden Sie feststellen, dass auf einer 40-Fuß-Yacht mit so 3,50 Metern Breite kaum zwei Matten parallel untergebracht werden können, wenn diese, was ja wünschenswert ist, nach jeder Seite genügend Platz zum Schwingen haben und auf beiden Bugen benutzt werden sollen. Festeingebaute Kojen dagegen benötigen vielleicht nur 80 Zentimeter Platz auf jeder Seite.
Das dürfte aber nur ein Grund sein, der gegen die Hängemattenlösung spricht. Die auf einem kleinen Schiff viel heftigeren Schiffsbewegungen sind das weitere Problem. Während auf einem großen Schiff, auf einem Rahsegler das “stampfen” mehr oder weniger nur als Heben und Senken wahrnehmbar ist, geht es auf einem 12-Meter Schiff doch ziemlich heftig zu. Aus dem sachten Schaukeln wird dann schnell ein heftiges Umherschleudern in alle drei Dimensionen, dass kaum einen Schlaf zuläßt, jedenfalls nicht in der Ozeandünung. Die daraus resultierend Unbequemlichkeit dürfte die Vorliebe für Hängematten statt fester Kojen unterdrückt haben.

Ein Argument für die Hängematte wurde häufig vorgebracht: Der Schutz gegen die Seekrankheit, weil die Matte kardanisch die Schiffsbewegungen ja ausgleicht. Aber auch hier gilt das - eingeschränkt - wieder nur unter der Schiffslängsachse, nicht bei Bewegungen um die Querachse. Legendär ist das kardanisch aufgehängte Bett für Kaiser Wilhelm II auf der Meteor , aber auch die schwingende Koje für Sir Francis Chichester bei seiner Rekordfahrt um die Welt auf der 15-Meter-Yacht Gipsy Moth. Begeisterte Erfolgsberichte über die Eignung dieser Koje fehlen allerdings. Wahrscheinlicher Grund: Siehe oben.
So eignet sich die Hängematte vor allem für ein Mittagsschläfchen auf dem Vorschiff - wie es gerade Wolfgang Hausner auf seinem Katamaran TABOO hält - am Ankerplatz.
Mit freundlichen Grüßen
Bobby Schenk

