Frage von Thorsten Lüders
Hallo Herr Schenk,
als aktiver Oldtimersegler möchte ich doch langsam mal etwas für die längere Fahrt erwerben. Über einschlägige OnlineYachthändler werden, vorzugsweise in den USA, Ferrocementyachten angeboten, und zwar zu einem Preis-Leistungsverhältniss, wie es hier kaum zu finden ist. Was spricht eigentlich gegen Ferrocement - ausser das sie schwer sind… Leider bekommt man nur sehr schwer Informationen über diese Bauart… Mit seglerischen Grüßen aus Norddeutschland Thorsten Lüders
Hallo Herr Lüders,
nein, es spricht “eigentlich” kaum etwas gegen den Bootsbaustoff Ferrozement oder Beton bei Fahrtenyachten. Aber die Zeiten hierfür sind wohl vorbei, was man aus der Bootsbaugeschichte heraus ganz gut nachvollziehen kann. Die Hoch-Zeit für Beton-Segelschiffe war in den 70er und 80er Jahren, als man langsam einsah, dass Holzschiffe wegen dem ungeheuren Pflegeaufwand out sein würden, während der Eigenbau von Kunststoffschiffen in der Praxis wegen der Notwendigkeit einer Form nicht möglich war. Ein pflegeleichter Bootsbaustoff, der sich aber zum Selbstbau eignen musste, war gefragt. Und das war eben Beton, den man leicht im Selbstbau auf eine provisorische Form aus Hühnerstalldraht aufbringen konnte.

Da es sich bei Betonyachten fast ausschließlich um Eigenbauten gehandelt hat und dabei auch regelrechte Missgeburten entstanden sind (wie bei jedem Eigenbau aus ungeübten Händen) hat die Popularität dieses Bootsbaustoffes nicht gerade gefördert. Hinzu kam die von Ihnen erwähnte Tatsache des naturgemäß erhöhtem Gewicht, das den erfolgreichen Einsatz derartiger Schiff bei publikumswirksamen Regatten von vorneherein ausschloss.

Trotzdem, es lässt sich gegen eine gut und fachgerecht gebaute Yacht aus Ferrozement nicht viel vorbringen und dass eine Betonyacht durchaus wohlgefällig aussehen kann, zeigen die Bilder einer 15-Meter-Yacht, die auf den ersten Blick nicht als Betonschiff zu erkennen ist.
Deshalb wäre gegen die Anschaffung einer gebrauchten Yacht aus diesem Bootsbaustoff nicht viel vorbringen - außer den üblichen Vorbehalten gegen alte Eigenbauten. Und solange die Schale unverletzt ist, sodass kein Wasser zum Draht vordringen kann. Dann würde man mehr Probleme haben wie zum Beispiel bei der gefürchteten Osmose an Kunststoffyachten.
Es gibt übrigens ausgesprochene Liebhaber von Zementyachten, wie zum Beispiel den berühmten englischen Karikaturisten Mike Peyton, dessen entwaffende Zeichnungen sicher jeder YACHT-Leser kennt. Er nennt ein kleines Betonschiff sein eigen und ist damit glücklich. Was die YACHT nicht hinderte im gleichen Heft, in dem Mike Peyton interviewt worden war, diesen Bootsbaustoff als “irgendwie unappetitlich” zu bezeichnen. Als ob wir - umgekehrt - alle in Kunststoffhäusern wohnen würden.
Mit seglerischen Grüßen aus Langkawi
Bobby Schenk
