Frage von Martin Flückiger

Sehr geehrter Herr Schenk
...
Mein Traum ist, selber einmal die grosse weite Welt mit dem Boot zu
bereisen. In zwei Jahren möchte ich mir dazu die Blauwasseryacht
kaufen, diese anschliessend nach meinen Bedürfnissen ausrüsten und
2011 zu dem Abenteuer Weltumseglung starten. Zur Zeit lese ich vieles
über Segelreisen, um mir ein Bild der Szene zu machen. Bei diesen
Berichten wird viel davon geschrieben, dass Reisen aus etwelchen
Gründen auch immer abgebrochen werden und diese Boote an den
abgelegensten Orten vergammeln. Ich frage mich nun, ob sich eine
solche Yacht nicht für mein Projekt eignen würde. Vielleicht können
Sie mir eine Antwort darauf geben. Wenn ja, wie komme ich an ein noch
seetaugliches, intaktes und gut ausgerüstetes Boot? Im Internet finde
ich nur selten Boote, mit welchen ich mich auf eine Weltumseglung
begeben würde - und dies auch noch zu einem vernünftigen Preis.

Ich sende Ihnen die besten Grüsse aus der Schweiz

Mit grenzenloser Lebensfreude
Martin Flückger

Sehr geehrter Herr Flückinger,

ich zögere, diese Frage zu beantworten. Denn da kommt man um ein paar Vorurteile und Vermutungen nicht herum.

Zunächst einmal: Ihre Hoffnung, von Möchtegern-Weltumseglern ein seetaugliches, intaktes und gut ausgerüstetes Schiff für eine Weltumsegelung zu finden, das auch noch möglichst billig sein sollte, wird sich nicht erfüllen.

Sehen wir uns doch die “Szene” mal an: Warum werden Weltumrundungen abgebrochen? Es ist doch meistens so, dass denjenigen, die aufgeben (müssen), die Sache über den Kopf gewachsen ist. Und meistens, nicht immer, ist es das Schiff, das die Leute überfordert hat.

Da sind wir wieder beim alten Thema: Wenn Sie sich mal die Meilenleistungen pro Jahr von Langfahrtschiffen ansehen, dann kommen Sie häufig auf 10000 bis 15000 Seemeilen pro Jahr. “Normale” Yachten, die in den Urlauben und auch an einigen Wochenenden im Sommer für den Ausflugsbetrieb herhalten müssen, erreichen selten 1000 oder gerade mal 2000 Meilen. Das heißt aber, dass die Weltumseglerschiffe ganz anders strapaziert werden, als unsere heimischen Yachten. Hinzu kommen oft viel rauere Bedingungen auf See und am Ankerplatz (UV-Licht), unter denen Weltumseglerschiffe seetüchtig bleiben müssen - sollten.

Und noch eines setzt den Langfahrtschiffen zu, nämlich die überaus schlechte, oder gar fehlende Ersatzteilbesorgung. Geht auf einem Ostseeschiff was kaputt, dann wird das richtige Ersatzteil während der Woche per UPS geliefert und am Wochenende kann es schon wieder eingebaut werden. “Unterwegs” befindet man sich aber häufig an Orten, die weit ab vom Schuss sind. Da verzichtet man schon mal auf den Austausch eines defekten Teils und behilft sich mit einem Provisorium, das heißt: Notdürftige Reparatur mittels Amateurhand. Nach einiger Zeit, meist nach einigen Jahren, sind so in das Schiff zahlreiche Schwachpunkte integriert.

Hinzu kommt, dass nahezu alle Weltumsegler, auch die ganz seriösen, ständig klamm bei Kasse sind. Nicht, dass es arme Leute sind, doch fehlt das monatliche Einkommen. Die meisten leben von Ersparnissen und da ist es nicht leicht, mal so eben zweitausend Euro außer der Reihe für einen neuen Automaten auszugeben. Also wird improvisiert…

Und irgendwann hat man es satt und man streckt alle Viere von sich. Das Schild “For Sale” wird an den Bug gehängt.

Interessiert Sie so ein Schiff? Jedenfalls hat es nichts gemein mit Ihren Wunschvorstellungen. Was nicht heißt, dass es auch Zufälle gibt, in denen Sie fündig werden können.

Ich würde es so anpacken: Mit dem Flieger und entsprechend ausreichend Geld (ohne das geht nun mal nichts!) in der Tasche zu einem der Weltumsegelknotenpunkte - Französisch Polynesien, Kapstadt, Panama oder so - reisen, und die interessanten Schiffe (ohne dem Schild “For Sale”) abklappern. Bei Skippern also vorstellig werden, die ihr Schiff noch nicht innerlich aufgegeben haben! Dann stelle man die Frage in den Raum, ob die Yacht zu haben sei? Gegen Cash natürlich! Könnte mir vorstellen, dass man dabei gewinnen wird. Zumindest an Erfahrung. Aber geschenkt kriegen Sie garantiert nichts. Nebenbei: Ich kenne einige, später recht prominent gewordene Weltumsegler, die gerade auf einen wie Sie gewartet haben. Nur ist der nicht am Steg erschienen und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre Weltumsegelung fortzusetzen - und zu vollenden.

Die Geschichte von der WHITE WITCH (siehe hier) sollte zu denken geben. Da segelt Manfred mit einer hochbetagten Hallberg Rassy um die Welt und bietet sie in den Fachzeitschriften per Inserat zum Kauf an. Es meldet sich ein(!) einziger Interessent. Und der ist auch noch bereit einen fairen Preis zu zahlen. Allerdings hat er alle Trümpfe als Käufer in der Hand und so stellt er die recht kühne Bedingung, dass das Schiff von Trinidad nach Australien gesegelt werden müsse. Das war richtig clever, denn so bekam er gleich den Beweis mitgeliefert, dass er ein äußerst tüchtiges Schiff gekauft hatte.

Mast- und Schotbruch!

Bobby Schenk